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Landgericht Zum „Heiligen Krieg“ angestiftet?

Der Salafist Bilal G. soll einen Schüler angestiftet haben, nach Syrien auszureisen. Jetzt steht er in Frankfurt vor Gericht.

Symbolfoto Gericht
Justitia. Foto: Imago

Es ist eine traurige Geschichte, die Bilal G. Anfang 2016 per „We love Muhammad“-App den Kindern dieser Welt erzählt, und sie nimmt kein gutes Ende. „Elma, die Lieblingskuh von Bauer Murat, ist gestorben. Morgen, sagt Murat, wird er auf dem Markt eine neue Kuh kaufen. ,Sag wenigstens Inschallah‘, sagt Murats Frau, also ,so Gott will‘. Murat hält das für überflüssig, was soll schon schiefgehen?“ Natürlich geht alles schief - weil Murat das „Inschallah“ vergessen hat.

Es ist auch eine traurige Geschichte, die die Staatsanwaltschaft am Dienstagmorgen vor dem Landgericht erzählt. Offiziell wirft sie dem 28 Jahre alten Bilal G. Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor.

Im Klartext: G., lange Zeit „Regionalverantwortlicher“ der salafistischen „Lies“-Koranverteilaktion, soll im Herbst 2016 den 16 Jahre alten Schüler Enes Ü. nach Syrien, geschickt haben. Er soll den jungen Mann mit Flugtickets und Papieren ausgestattet haben, damit dieser sich dem seiner Meinung nach Heiligen Krieg gegen das Assad-Regime anschließen konnte. Auch diese Geschichte nimmt kein gutes Ende. Noch im selben Jahr absolviert Ü. die Grundausbildung der Terrormiliz IS und stirbt in einem seiner ersten Gefechte.

Seit Anfang März sitzt Bilal G. in Untersuchungshaft. Die Bundespolizei hatte den umtriebigen Salafisten, der enge Kontakte zum Kölner Hassprediger Pierre Vogel pflegt, am Flughafen festgenommen, als dieser nach Istanbul fliegen wollte. Der Haftrichter sah Fluchtgefahr.

Vor dem Landgericht will sich G. nach Auskunft seines Anwalts Ali Aydin „schweigend“, also gar nicht verteidigen. Er hat bereits ein wenig Gerichtspraxis: Im Alter von 19 Jahren war er wegen versuchten Totschlags und Raubüberfällen zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden. In seinen unzähligen Facebook-Postings hatte er den Knast-Aufenthalt als sein ganz persönliches Damaskuserlebnis geschildert: Rein in den Knast als Missetäter, hinaus mit einem frohen „Inschallah“ auf den Lippen.

Spätestens seit dem Herbst 2011 bewegte sich Bilal G. zunehmend im Dunstkreis des berüchtigten Kölner Salafisten Ibrahim Abou-Nagie.

Der hatte 2005 mit seinem damaligen Mitstreiter Pierre Vogel die Bewegung „Die wahre Religion“ (DWR) gegründet, die vor allem im Internet und durch öffentliche Veranstaltungen insbesondere junge Menschen für die radikalislamische Sache gewinnen wollte – und dies bis zum Vereinsverbot im November 2016 auch recht erfolgreich tat. Ebenfalls ein DWR-Ableger war die Koranverteilung „Lies“, die in Frankfurt immer wieder auf der Zeil, in Bockenheim und Sachsenhausen anzutreffen war. „Da waren viele dabei, die später in Syrien gelandet sind“, erinnert sich am Montag ein Polizist im Zeugenstand des Landgerichts. Ein Großteil von ihnen teilt das Schicksal Enes Ü.s.

Das Tischtuch zwischen Abou-Nagie und Bilal G. ist längst zerschnitten. Offiziell wegen eines Facebook-Statements von G., in welchem er die Terroranschläge in Brüssel vom März 2016 relativierte - die hätten sich die Europäer selbst zuzuschreiben, weil sie weltweit Muslime bedrängten, bekämpften, diskriminierten. Wahrer Hintergrund dürfte sein, dass G. sich eindeutig auf die Seite Pierre Vogels geschlagen hatte – Vogel und Abou-Nagie sind mittlerweile Erzfeinde. Bilal G. gründete daraufhin „We love Muhammad“ - ein weiterer Missionierungsverein, der sich vor allem an junge Menschen richtete und von dem auch die traurige Geschichte von Bauer Murats Kuh stammt.

Der erste Verhandlungstag war geprägt von den üblichen Aussetzungs- und Befangenheits- und sonstigen Anträgen der Verteidigung, die unter anderem die lange Dauer des Verfahrens rügt – gegen ihren Mandanten werde nun schon seit Oktober 2013 ermittelt.

Bereits jetzt sind viele Fortsetzungstage geplant. Ein Urteil soll, Inschallah, im Juni fallen.

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