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Landgericht Frankfurt Rocker-Prozess im Hochsicherheitssaal

Die Rocker-Schießerei im Mai 2016 in der Frankfurter Innenstadt hat ein Nachspiel vor Gericht. Zum Prozessauftakt zeichnet die Anklage ein detailliertes Bild der Vorfälle auf dem Stoltze-Platz.

Landgericht Frankfurt
Der angeklagte Hells Angel (links) und sein Verteidiger Michael Oberwinder. Foto: dpa

Seit Freitagmorgen findet die Rocker-Schießerei vom 5. Mai vergangenen Jahres vor dem Landgericht ihr juristisches Nachspiel. Der 56 Jahre alte Athanasios A. ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Die Anklage zeigt ein recht plastisches Bild dessen, was am Vatertag 2016 die ganze Stadt in helle Aufregung versetzte. Und des dazugehörigen Vorspiels.

Laut Anklage beginnt das Elend Anfang März 2016 in einem Nobelhotel am Flughafen. Eigentlich soll das Treffen dort ein Friedenspalaver sein: Unterschiedliche Gruppierungen der Hells Angels sind sich uneins über die Verteilung der Pfründe, die Cliquenchefs wollen mal wie Männer miteinander über die Probleme reden.

Was sie irgendwie auch tun: Munir H., das spätere Opfer, bricht dem Vizepräsidenten des laut Staatsanwaltschaft „verbotenen, aber nach wie vor existenten Charters Westend“ per Kopfstoß das Nasenbein. Die in Fachkreisen auch als „Glasgow Kiss“ populäre Kopfnuss gegen den Vize des mit Abstand mächtigsten Charters weit und breit kommt H. teuer zu stehen. Er wird des Clubs verwiesen und ist fortan „out in bad standing“. Sein Status in der Rockerwelt entspricht damit etwa dem eines Vogelfreien.

Vatertag 2016: Munir H. promeniert am Steuer seines weißen Mercedes-Geländewagens in Begleitung seiner Freundin und eines Kumpels den Stoltze-Platz entlang. Miloud A. und der nun angeklagte Athanasios A., beide altgediente Hells-Angels-Mitglieder, genießen vor der Helium-Bar den sommerlichen Tag.

Den Anblick H.s genießen sie weniger. Sie stehen sofort auf und ziehen ihre halbautomatischen Waffen. Miloud A. schießt mindestens vier Kugeln ab, drei davon treffen und verletzen H.s Niere, Leber, Lunge und Oberarm. Die vierte Kugel wird abgelenkt und schlägt haarscharf neben H.s Kopf ein.

Nun öffnet Athanasios A. mit gezogener Waffe die Fahrertür, drinnen hat sich der verletzte H. aber bewaffnet. Glücklicherweise sind beide nicht vom Scharfschützen-Charter der Hells Angels: Ein- bis fünfmal schießt H. auf Athanasios A. und verpasst diesem lediglich einen Streifschuss. A. feuert zweimal auf Munir H., trifft stattdessen aber Mitfahrer Emir H. ins Bein. So die Version der Ankläger. Bei ihrer anschließenden Flucht hatten die Rocker in der Eile Helme, Krafträder, Sonnenbrillen und jede Menge DNA zurückgelassen. Athanasios A. war kurze Zeit später in Rumänien verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert worden. Miloud A. ist nach wie vor flüchtig.

Der Prozess vor dem Landgericht geht mit außergewöhnlichen Sicherheitsmaßnahmen einher. Rund um das Gerichtsgebäude stehen schwerbewaffnete Polizisten, der Transport des Angeklagten vom Gefängnis in Preungesheim zum Gericht wird schwerstbewacht. Im Hochsicherheitssaal II des Gerichtsgebäudes E müssen sämtliche Besucher ihre Personalausweise abgeben und sich peniblen Kontrollen unterziehen. Am ersten Verhandlungstag bleibt aber alles friedlich.

Wie üblich ist die Akustik im Saal miserabel, hinter dem Panzerglas, wo Presse und Zuschauer sitzen, versteht man kaum ein Wort. Ganz offenkundig sitzen ein paar Kumpel A.s im Publikum, der äußerst entspannt wirkende Angeklagte wirft ihnen zum Prozessbeginn ein paar Kusshändchen zu. Kutte trägt keiner.

Zwei Rockerlümmel von der letzten Bank werden zu Beginn der Verhandlung von der Vorsitzenden Richterin Bärbel Stock freundlich ermahnt, beim Einmarsch des Gerichts doch bitteschön wie alle anderen auch den Hintern zu lupfen, und leisten dem auch Folge. Athanasios A. hält sich an den Hells-Angels-Comment und verweigert gegenüber dem Gericht jegliche Angaben zu Tat oder Person, das aber sehr freundlich.

Bislang ist der Prozess bis Ende August angesetzt, bis dahin sollen noch um die 70 Zeugen vernommen werden, die vielleicht mehr zu sagen haben.

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