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Landgericht Frankfurt Nach Bank-Irrtum um 163 Millionen Euro reicher

Ein Prozess vor dem Frankfurter Landgericht zeigt, wie fremd gesunder Menschenverstand und Finanzmarkt sich geworden sind.

Landgericht Frankfurt
Wertpapierhändler Armin S. (rechts) mit seinem Anwalt Mario Bögelein. Foto: Michael Schick

Eines Freitagmorgens wachte Armin S. leicht verkatert auf und wurde virtuell stinkreich. Allerdings nur virtuell, weshalb der 39 Jahre alte S. unter den interessierten Blicken von jeder Menge Wirtschaftsjournalisten aus ganz Europa vor der 18. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts erscheint. Er möchte 163 Millionen Euro von der französischen Großbank BNP Paribas. Die möchte das nicht.

Im Dezember 2015 hatte S. 3000 Zertifikate mit der Wertpapierkennnummer AA2CDQ gekauft. Das war auch schon alles, was er an Informationen über die Papiere hatte. Zertifikate sind etwas für Zocker, es geht darum, auf steigende oder fallende Kurse zu setzen, ein volkswirtschaftlicher Nutzen solcher Deals erschließt sich höchstens Finanzexperten, aber selbst denen nicht so richtig. Zumindest aber benötigen selbst die furchtlosesten Hasardeure ein Minimum an Information, auf was sie ihr Geld da eigentlich setzen. Armin S., ehemaliger Angestellter der Citibank und seit geraumer Zeit selbstständiger Trader in eigener Sache und Tasche, vertraute eher seinem Finanzinstinkt und den Computer-Algorithmen, die ihm den Kauf nahegelegt hätten.

S. kauft im außerbörslichen Handel 3000 Zertifikate für je 108 Euro. Erst sechs Tage später, sagt er, als er erneut zwei Zertifikate kaufen will, diesmal über die Börse, stellt er fest, dass diese gar nicht 108, sondern vielmehr 54 000 Euro wert sind und er um rund 163 Millionen Euro reicher ist. Das fällt dann aber auch der BNP auf, die das Geschäft storniert und sich auf einen sogenannten Mistrade beruft, der aufgrund eines Computerfehlers sowie menschlichen Versagens beruhe.

So nicht, sagt S. Im Mai vergangenen Jahres steigt er bei der Jahreshauptversammlung der BNP in Paris in die Bütt und verkündet dem Vorstand, er habe die Bank auf 163 Millionen Euro verklagt. Gesagt, getan.

Fehler gibt es immer wieder. Auch er selbst, sagt S. am Mittwoch, habe gefehlt, denn eigentlich habe er Zertifikate der Commerzbank kaufen wollen, aber am Abend zuvor habe er in einem Frankfurter Club ein bisschen zu sehr auf die Pauke gehauen. Er habe sich im Kater „schlicht vertippt und den Fehler nicht bemerkt“. Die Bank aber habe ihren Fehler viel zu spät revidiert. Die Frist, einen Mistrade zu reklamieren, sei da längst abgelaufen gewesen. Es gehe ihm nicht nur ums Geld, sondern auch ums Prinzip. Die Bank habe „gegen alle möglichen Kontrollvorschriften verstoßen“, man sei selbst auf virtuellem Börsenparkett „schließlich nicht auf einem Basar“, und zudem werde seine berechtigte Forderung die Bank, die jährlich zweistellige Milliardengewinne einfahre, nicht arm, ihn aber reich machen.

Die Bank sieht das anders. Der Fehler sei ärgerlich, er resultiere aus einer Umstellung des Computerprogramms und einem damit einhergehenden Systemfehler, zudem habe ein Bankmitarbeiter irgendwo „ein Häkchen entfernt“, das nicht habe entfernt werden dürfen. A.s Forderung, sagen die Anwälte der Bank, sei „rechtsmissbräuchlich“ und grenze an „arglistige Täuschung durch Unterlassen“, er als Profi hätte erkennen müssen, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, so einen Kater könne man gar nicht haben. Ein Systemfehler aber entbinde die Bank von der Pflicht, den Mistrade innerhalb eines gewissen Zeitrahmens zu melden.

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