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Landgericht Frankfurt Kokain frisch aus dem Puff

Vor dem Landgericht Frankfurt beginnt der Prozess gegen die Betreiber eines „Escort“-und-Drogen-Start-Ups. Einer der Beschuldigten ist im Rotlichtmilieu ein seltener Vogel.

Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild) Foto: ddp

Sein Verteidiger Ulrich Endres sagt, er bewege sich seit Jahrzehnten – natürlich rein juristisch – im Rotlichtmilieu. Aber „einen Mandanten wie Andre O. habe ich noch nie gehabt“.

Einer wie Andre O. ist tatsächlich ein seltener Vogel. Der 35-Jährige ist der Hauptangeklagte in einem Prozess gegen vier Männer und eine Frau, der am Mittwoch am Landgericht begonnen hat. Es geht juristisch gesagt um Handel mit Betäubungsmitteln, Steuerhinterziehung und den Vorenthalt von Arbeitnehmerentgelten. Oder, mit mehr Schmackes: Es geht um Koks und Dirnen. Und am ersten Verhandlungstag vor allem um Andre O.

O. soll nicht nur einen „Escort-Service“ in der Hanauer Landstraße betrieben und es dabei mit der Sozialversicherung der Mitsexarbeiterinnen nicht allzu genau genommen haben – er soll zudem auch noch treue Kunden mit kleinen Mengen Kokain versorgt haben.

Andre O. ist so etwas wie ein Wunderkind des Kapitalismus. Der Sohn eines Maurers und einer Marktkassiererin besucht nach der Haupt- die Berufsschule und macht dort seinen Realschulabschluss. Er schließt eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann ab. Er arbeitet sich in der lokalen Supermarkt-Filiale in Karben rasch in die Position des Filialleiters hoch. Eine Bäckereikette wirbt ihn ab und macht ihn zum Gebiets-Manager. Aber Andre O. hungert nach größeren Brötchen.

Spätestens 2013 wechselt er die Branche und macht sich selbständig in der „Hostessen-Vermittlung“. Damit nicht genug: er gründet eine Werbe-GmbH, ein „Erotik-Online-Werbeportal“, das die Dienste der Damen bewirbt. Er erwirbt eine Taxi- und Mietwagenkonzession und gründet einen Shuttle-Service, der die Freier zu den Dirnen bringt.

Kokain frisch aus dem Puff

Bei diesem Rundum-Sorglos-Paket liegt es beinahe nahe, dass O. seine Kunden bald auch mit Koks versorgt – mit kleinen Mengen im Gramm-Bereich. Das Kokain bezieht er von dem mitangeklagten Ehepaar M., das ein Bordell in Sachsenhausen betreibt und ordentlich Pulver im Keller hat. O. hat dort so etwas wie Koks-Prokura, er darf sich bedienen, zahlt 70 Euro pro Gramm und vertickt es für 110 bis 150 Euro weiter – immerhin alles im Rahmen der Gesetze des Marktes.

Wieviel O. dabei verdient, ist nicht ganz klar. Die Ermittler gehen beim Steuerbetrug von einem Schaden von 63 000 Euro aus. Der Kokainhandel fällt bei den gelieferten Kleinstmengen kaum ins Gewicht. Aber mit Sicherheit macht Andre O. Kasse.

Und steckt den Profit nicht in Zuhälter-Uhren und Angeber-Karren. Sondern in die Renovierung des Hauses seiner Eltern. Edel, aber nicht protzig, urteilt der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt. Nicht nur die Mutter ist stolz auf ihren Sohn, der mit was für Geschäften auch immer gutes Geld verdient. Und fällt vor Schreck in Ohnmacht, als ein Sondereinsatzkommando im Februar 2013 die Straße in Karben absperrt und die Tür des Wohnhauses eintritt. Ein Notarzt muss die Mutter wieder in die harte Realität zurückholen.

Der „Vorfall“, wie Andre O. das nennt, sei „ein schwerer Schlag für die Familienstruktur“ gewesen. Seine Schwester habe sich von ihm losgesagt. Seine Mutter habe das frisch renovierte Haus beleihen müssen, um seine Steuerschuld zu tilgen. Die Ehe der Eltern sei nach 30 Jahren an dem „Vorfall“ zerbrochen. Er lebt noch immer bei seiner zunehmend pflegebedürftigen Mutter, mehrere Stunden am Tag verbringt er bei seinem krebskranken und jetzt dementen Vater.

Warum der Schritt ins Rotlicht, fragt Immerschmitt den Angeklagten. Seine Ehe sei 2007 nach zwei Jahren zerbrochen, antwortet O. Er habe sich getrennt, als er herausfand, dass seine Frau heimlich bei einer „Escort-Agentur“ gearbeitet habe. Aus „Enttäuschung und Ärger“ habe er da eine eigene gegründet.

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