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Lahn-Dill-Kreis Prozess um krebserregende Mineralfasern bei Woolrec

Die Recycling-Firma Woolrec soll krebserregende Mineralfasern verarbeitet und auf diese Weise illegal entsorgt haben. Im Prozess haben Ermittler und Behördenmitarbeiter ausgesagt.

Firma Woolrec
Protestplakat gegen Woolrec: Die Recycling-Firma soll krebserregende Mineralfasern verarbeitet haben. Foto: dpa

Im Prozess um die Recycling-Firma Woolrec aus Braunfels-Tiefenbach (Lahn-Dill-Kreis) sind am Dienstag die ersten Zeugen vernommen worden. In dem Verfahren wird dem Gründer von Woolrec, Edwin F., und dem Gutachter Stefan G. unerlaubter Umgang mit Abfällen vorgeworfen.

Woolrec hatte von 2003 bis 2013 künstliche Mineralfasern, die als krebserzeugend gelten, zerkleinert und sie mit Ton und Melasse zu dem Ziegelstein-Zusatzstoff „Woolit“ vermengt. Die Staatsanwaltschaft wirft F. vor, ab 2007 aus Gewinnsucht von der genehmigten Rezeptur abgewichen zu sein, so dass das Woolit als Abfall hätte entsorgt werden müssen. G. soll dem Regierungspräsidium Gießen (RP) in monatlichen Gutachten versichert haben, das Woolit werde korrekt produziert.

Als erster Zeuge sagte der Kriminalbeamte aus, der die Ermittlungen seit 2011 geleitet hatte. Aus dessen Sicht handelt es sich wegen seiner Komplexität um ein „sehr außergewöhnliches Verfahren“ . Der Beamte berichtete auch über die Firmengeschichte von Woolrec. Die zugrundeliegende Idee, Dämmstoffe für die Ziegelherstellung zu recyceln, habe Firmengründer F. von einem Mann übernommen, der bereits seit dem Jahr 2000 als Mieter auf seinem Industriegelände gearbeitet habe. Wie später auch bei Woolrec sei bereits damals der Gewinn vor allem damit erzielt worden, den Anlieferern die Mineralfasern gegen Bezahlung abzunehmen.

Nach der Insolvenz der Firma seines Mieters habe F. die Produktion mit Woolrec fortgeführt und auf Wunsch seiner Abnehmer aus der Ziegelindustrie einen Weg gesucht, die gefährlichen Mineralfasern für Transport und Lagerung besser zu binden. Sein Ziel sei gewesen, aus dem Fasermüll ein Produkt zu machen, das verkauft werden könnte, statt es als Abfall zu entsorgen. Die Idee zu seinem eigenen Verfahren und zu Woolit sei F. laut dessen Aussage aus der Vernehmung beim Kuchenbacken gekommen, so der Polizist.

Bei der Entwicklung des Stoffs seien dann sowohl G. als auch Mitarbeiter des RP Gießen beteiligt gewesen. Dabei sei „völliges Neuland“ betreten worden, sagte der Zeuge. Bundesweit habe es nie zuvor ein genehmigtes Verfahren gegeben, aus gefährlichem Abfall ein Produkt zu machen. Auf Seiten der Politik habe „eine wohlwollende und sehr positive Einstellung zu der Sache“ geherrscht.

Weil die Mineralfasern im Woolit zwar gebunden sein sollten, aber weiterhin krebserzeugend waren, habe das RP Gießen bei der Genehmigung der Verfahren 2003 darauf bestanden, Maßnahmen zur Qualitätssicherung festzuschreiben. Die Rolle des Prüfers sei G. übertragen worden, dessen Gutachten sowieso oft direkt in die Anordnungen des RP Gießen eingegangen seien.

Als zweiter Zeuge sagte ein Ingenieur aus, der beim RP Gießen für die Anerkennung von Woolit als Produkt zuständig war. Die Entscheidung sei ihm damals „nicht ganz leicht gefallen“, sagte der Mann. Ende der 90er Jahre habe man im Abfallbereich oft mit völlig neuen Verfahren zu tun gehabt. Da die vorlegten Gutachten überzeugend gewesen seien, habe man Woolit aber als Produkt anerkannt, „unter Auflagen natürlich“. Andere Behörden hätten Woolit kritischer gesehen, die Verantwortlichen in Rheinland-Pfalz hätten den Stoff etwa als Abfall eingestuft. Da durch die vom damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) forcierte „Operation sichere Zukunft“ auch im Umweltbereich viel Personal eingespart worden sei, habe man Betriebe wie Woolrec nicht so kontrollieren können, wie er sich das gewünscht habe, so der Zeuge. Das RP habe die Betriebe nur selten selbst besucht, meist habe man sich auf „Papierüberwachung“ beschränken müssen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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