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Kriminalität in Hessen 97 unbekannte Tote beschäftigen Polizei

Die Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes versucht, in 97 Fällen die Identität eines unbekannten Toten zu klären. Den Experten hilft, dass sich die Untersuchungsmethoden ständig verbessern.

22.03.2017 12:13
Serienmörder in Hessen
Im Fall des Serienmörders aus Schwalbach ist der Polizei noch kein Durchbruch gelungen. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Beim Entrümpeln einer Garage gefundene Körperteile haben die Polizei nach jahrelangen Ermittlungen auf die Spur des mutmaßlichen Serienmörders aus dem Taunus gebracht. Die Identität einer anderen toten Frau, die 2016 bei Mäharbeiten in einem Frankfurter Gebüsch gefunden wurde, ist dagegen noch genauso unbekannt wie die ihres mutmaßlichen Mörders. Mit 97 Fällen nicht-identifizierter Toter ist die Vermisstenstelle des Landeskriminalamts (LKA) in Wiesbaden befasst.

In mindestens 17 Fällen geht es um einen gewaltsamen Tod, wie LKA-Sprecher Christoph Schulte berichtet. Die Identifizierung dieser Leichen böte auch viele Jahre später noch die Chance, die Täter zu überführen - wie eben im Fall des Serienmörders Manfred S. aus Schwalbach.

Zu den ungeklärten Tötungsdelikten gehört auch eine Leiche, die am 12. Januar 2012 am Ortsrand von Fulda-Haimbach gefunden wurde. Ein Spaziergänger hatte das teilweise bekleidete Skelett auf einer ungemähten Wiese in einem Freigelände entdeckt und die Polizei verständigt.
Die Ermittler konnten eine Menge über den Toten herausfinden, aber: "Wir wissen immer noch nicht, wer der Mann ist, woher er kam, und was mit ihm passiert ist", sagt Polizeisprecher Christian Stahl. "Eine Vermisstenanzeige, die auf die Person passt, gab es nicht." Auch bei der im August 2016 in einem Frankfurter Gewerbegebiet entdeckten Toten tappt die Polizei trotz intensiver Ermittlungen und auffälliger Tatoos im Dunkeln.

Unter den 97 Fällen sind nicht nur Leichen, sondern auch Teile menschlicher Überreste wie Schädel, Knochen und abgetrennte Gliedmaßen - etwa Hände und Füße. Sogar Blutspuren können auf einen Fall hindeuten, wie Schulte sagt. Und zwar dann, wenn aufgrund der Umstände am Fundort ein Verbrechen nicht ausgeschlossen werden kann. 30 Jahre müssen die menschlichen Überreste in der Vermisstenstelle aufbewahrt werden, "so dass auch bei sich ständig verbessernden Untersuchungsmethoden die Möglichkeit einer Identifizierung gegeben ist."

Wie bei Melanie aus Wiesbaden. Zehn Jahre nach dem Verschwinden der 13-Jährigen konnte 2009 mit DNA-Analysen der Tod des Mädchens festgestellt werden. Skelett-Teile aus einem Wald bei Kisselbach in Rheinland-Pfalz brachten die traurige Gewissheit, dass die Schülerin Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war.

Vom Zustand einer entdeckten Leiche oder den gefundenen Knochen hängt es ab, wie schnell die Todesursache geklärt werden kann, wie Schulte sagt. Gerichtsmediziner können auch das Geschlecht, das Alter und die Größe des Toten herausfinden und Angaben dazu machen, wie lange er schon an dem Fundort gelegen hat. Wenn am Tatort keine persönlichen Gegenstände oder eindeutigen Hinweise zu finden sind, der Tote aber nicht als vermisst gemeldet wurde oder zu aktuellen polizeilichen Ermittlungen passt, bleibt seine Identität zunächst ungeklärt.

Wie bei dem Skelett aus Fulda. Die Fachleute sind sich sicher, dass der Getötete etwa 1,75 Meter groß und zwischen 21 und 30 Jahre alt war. Sie gehen davon aus, dass seine Leiche etwa viereinhalb Monate an dem Fundort lag. Er hatte Rippenbrüche. Diese führten aber nicht zum Tod. Sogar welche Kleidungsstücke der Mann zuletzt trug, wissen die Ermittler, und dass er sich den größten Teil seines Lebens in Mitteleuropa aufgehalten haben muss.

Die Vermisstenstelle des LKA erfasst alle Daten, die zur Identifizierung geeignet sein könnten. Sie werden in einer bundesweiten Datei gespeichert. "Ziel ist es, über eine sehr detaillierte Personenbeschreibung und weitere Identifizierungshilfen Zusammenhänge zwischen vermissten Personen und unbekannten Leichen oder unbekannten hilflosen Personen zu erkennen", erläutert Schulte.

Können Fingerabdrücke des Toten sichergestellt werden, gleichen die Ermittler diese mit der Automatisierten Fingerabdruck-Identifizierungssytem-Datenbank ab. Wenn der Gesuchte jemals bei der Polizei erkennungsdienstlich behandelt wurde, kann er so schnell gefunden werden.

Unbekannte Tote können in der Datenbank aber auch mit Hilfe von DNA, Zahnstatus, Personenbeschreibung, Kleidung und bei ihnen sichergestellten Gegenständen gefunden werden. 49 der 97 beim LKA erfassten Toten könnten über die gefundene DNA identifiziert werden. Von 22 liegt auch ein Zahnstatus vor. "Ergeben sich Hinweise, dass die Person aus dem Ausland stammt, werden die Informationen an das Bundeskriminalamt weitergeleitet", sagt Schulte.

Auch über Kleidungsstücke versuchen Fachermittler eine Identifizierung. Eine Tätowierung, Muttermale oder eine Prothese können auch Gewissheit bringen, vor allem, wenn sie bei einer Vermisstenanzeige angegeben wurden.

Manchmal helfen auch Zeugeaufrufe und die Veröffentlichung von Fotos. Im Fall der unbekannten Toten aus Frankfurt und Fulda allerdings brachten sie nichts. Auch eine Briefaktion der Frankfurter Polizei blieb ohne Erfolg. Der gewaltsame Tod eines am Nidda-Ufer in Bad Vilbel entdeckten Neugeborenen wurde auch noch nach fast sechs Jahren aufgeklärt. Allerdings halfen dabei weder die Spuren am Tatort noch die LKA-Datenbank oder ein DNA-Massentest bei fast 3000 Frauen. Die Mutter selbst brachte die Ermittler auf ihre eigene Spur. Sie war 2016 als hilflose Person in Frankfurt aufgegriffen worden und hatte von sich aus über die Tat gesprochen. Ein dreiviertel Jahr später wurde sie zusammen mit dem Vater des Babys - zur Tatzeit waren beide 16 Jahre alt - zu Bewährungsstrafen verurteilt. (dpa)

 

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