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Kriminalität Einsatz für Ladendiebe

Für Dagmar Oberlies, Professorin an der Frankfurter Fachhochschule, betreibt der Staat bei der Sanktionierung harmloser Delikte zu viel Aufwand. Die Verfahrenskosten stehen oft in keinem Verhältnis zum Schaden.

Fachhochschule Frankfurt
Professorin Dagmar Oberlies (r.) und Fredericke Leuschner. Foto: Boeckheler

Dagmar Oberlies beschäftigt diese Frage seit vielen Jahren: Warum sind Männer krimineller als Frauen? Die Professorin vom Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurter Fachhochschule hat schon mehrere Studien zu diesem Thema gemacht. Ihr Schwerpunkt ist die kriminologische Geschlechterforschung. In ihrer jüngsten, jetzt veröffentlichten Studie hat sich die Wissenschaftlerin dem Geschlechterunterschied bei einfachem Diebstahl und Betrug gewidmet. Ein laut Oberlies bislang schwer vernachlässigtes Forschungsgebiet. „80 Prozent der Veröffentlichungen behandeln Gewaltdelikte“, sagt Oberlies, die sich mit ihren bisherigen Publikationen an die eigene Nase fassen muss. Die neue Studie sei so wichtig, weil Diebstahl und Betrug nun mal die Deliktfelder sind, mit denen sich Staatsanwälte und Gerichte am meisten befassen. Die Studie beschreibe somit das Alltägliche.

Zunächst mal wirkt das Werk eher wie eine reine Fleißarbeit. 3000 Akten der Staatsanwaltschaft Frankfurt aus dem Jahr 2013 wurden durchforstet, alle abgeschlossenen Fälle mit einfachen Diebstählen und Betrug ausgewertet. Waren die Täter männlich oder weiblich? Aus welchen Verhältnissen stammten sie? Wie äußerten sich die Angeklagten vor Gericht? Die primären Erkenntnisse sind interessant, aber nicht bahnbrechend. Die Diebstähle werden von jüngeren wohnsitzlosen Männern oder älteren Frauen mit geringer Rente verübt, überdurchschnittlich oft sind die Täter alleinstehend, und Frauen neigen vor Gericht häufiger dazu, sich und ihr Handeln zu erklären oder zu rechtfertigen. Teilweise schrieben die Frauen sogar Briefe an die Geschädigten.

Doch der eigentliche Aufreger für Oberlies und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Fredericke Leuschner war etwas anderes. Zunächst einmal fiel ihnen auf, dass 90 Prozent aller einfachen Diebstähle Ladendiebstähle sind. Der Schaden war meist gering, bei Frauen im Schnitt 24, bei Männern 19 Euro. „Aber es wird immer Anzeige erstattet, auch wenn nur ein Päckchen Taschentücher geklaut wurde“, betont Leuschner. Die Anzeigen der Geschäftsinhaber erfolgen wohl aus versicherungstechnischen Gründen, obwohl der Schaden gleich Null ist, wenn der Ladendieb gefasst wird. Oberlies hat sich auch schon in der Strafrechtskommission des Juristenbundes mit dem Thema befasst und macht noch eine andere Rechnung auf. Auf einen Euro Schaden kommen 1,90 Euro Verfahrenskosten und 3,60 Euro Haftkosten. Denn vor allem Männer, die wohl einen größeren Druck für normgerechtes Verhalten brauchen, treten immer wieder auch Ersatzfreiheitsstrafen an.

Oberlies hat noch nicht herausbekommen, warum Männer häufiger rauben, klauen und betrügen als Frauen, will sich aber jetzt für das kriminellere Geschlecht einsetzen. „Sinnvoll wäre eine Schadenswiedergutmachung als Verfahrenshindernis“, so die Professorin. Soll heißen, wenn der Täter den materiell geringen Schaden ersetzt, darf er nicht noch angezeigt werden und vor Gericht landen. Für Oberlies ist es schlicht nicht begreiflich, warum der Staat bei der Sanktionierung eines vergleichsweise harmlosen Delikts so viel Aufwand betreibt. In Vorträgen und in einer Fachzeitschrift will sie nun für die Entbürokratisierung werben.

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