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Jugendkriminalität Studie zeigt Nutzen von Gefängnisstrafen

Rund 70 Prozent der Straftäter im hessischen Jugendvollzug werden rückfällig, knapp 30 Prozent müssen erneut ins Gefängnis. Eine Studie der hessischen Landesregierung zeigt aber, dass sich der Vollzug dennoch positiv auf die Jugendlichen auswirkt.

Zwei jugendliche Gefangene in Begleitung ihres Ausbilders in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Rockenberg. Foto: dpa

Eine Gefängnisstrafe kann junge Straftäter wieder auf die rechte Bahn bringen. So lautet der Tenor einer im Auftrag der hessischen Landesregierung erstellten Studie. Die Ergebnisse widerlegten „definitiv“, dass der Vollzug die „Schule des Verbrechens“ ist, sagte der Tübinger Kriminologe Hans-Jürgen Kerner am Dienstag in der Bildhauerwerkstatt Gallus in Frankfurt. Dort, wo sonst straffällig gewordene Jugendliche Skulpturen schaffen, stellte Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) die Ergebnisse des zweiteiligen Forschungsprojekts vor, das die Wirkung des 2008 reformierten Jugendstrafvollzugsgesetzes untersuchten sollte. Derzeit sitzen rund 350 junge Delinquenten in Hessen hinter Gittern. Ein Haftplatz kostet rund 180 Euro am Tag.

Die Angebote in den Anstalten greifen, sagte Jost Stellmacher von der Universität Marburg, Fachbereich Psychologie. Das Selbstwertgefühl steige, die Reizbarkeit und Tendenz zu risikoreichem Verhalten sinke, es stelle sich eine kritische Haltung zu den begangenen Straftaten ein. Die Marburger hatten zwischen April 2009 und Mai 2010 im Gefängnis in Rockenberg Mitarbeiter sowie Insassen befragt – 319 zu Beginn ihrer Haft, 205 kurz vor ihrer Entlassung und 144 der jungen Männer noch einmal ein Jahr danach. In punkto Sozialverhalten und Leistungsbereitschaft entwickelten sie sich positiv, ihr Drogenkonsum nahm ab. Lediglich bei der Opferempathie sei keine Besserung zu beobachten, merkte Stellmacher an.

In Rockenberg besteht die Möglichkeit, eine handwerkliche Ausbildung zu absolvieren oder den Hauptschulabschluss. Diese „schul- und berufsbezogene Reintegration“ habe einen besonders großen Einfluss auf ein straffreies Leben nach der Entlassung, fanden die Marburger heraus. Wichtig sei aber auch, dass der junge Mensch einen neuen nicht-kriminellen Freundeskreis findet, seine Gewaltbereitschaft abnimmt – etwa durch Anti-Aggressionstraining – und die Lebenszufriedenheit insgesamt wächst. Denn auch die meisten jungen Straftäter träumen, wie die Gleichaltrigen draußen, von einem bürgerlichen Leben, wie der Kriminologe Kerner hervorhob. „Sie wünschen sich Familie, Kinder, einen Beruf, ein Haus.“

Kerner und sein Team aus Tübingen hatten sich Delinquenten angeschaut, die 2009 aus den Jugendstrafanstalten Rockenberg oder Wiesbaden entlassen wurden: 248 junge Männer im Alter zwischen 16 und 25 Jahren. Der überwiegende Teil, rund 88 Prozent, hatte keinen Beruf, rund 66 Prozent übten keine reguläre Tätigkeit aus.

Auffällig: Die Straftäter hatten weitaus mehr auf dem Kerbholz, als die früheren Entlassungsjahrgänge. Knapp 71 Prozent waren mehrfach vorverurteilt, mehr als 70 Prozent hatten alleine eine Tat begangen, was für kriminelle Energie spricht. Kerner sieht darin einen Zusammenhang mit der Entwicklung, dass Richter im Vergleich zu früher seltener ein Hafturteil aussprechen.

Hinter Gittern kommen also nur noch die ganz schweren Jungs, denen die Richter zuvor viele Chancen eingeräumt hatten, die für etwas einfahren, was sie schon vor Monaten verbrochen haben. Wie sie sich nach der Entlassung orientieren, hängt maßgeblich von ihrem Alter ab, stellten die Tübinger fest. Die kriminellste Energie hätten Männer zwischen 18 und 21 Jahren.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass die Zahl der rückfälligen Täter in den Jahren 2003 bis 2009 kontinuierlich abnahm. Mehr als 70 Prozent kehrten nicht in den Strafvollzug zurück. „Ein schöner Erfolg für den Maßregelvollzug“, bilanzierte Kerner.

Auch die Ministerin zeigte sich zufrieden. Der hohe Personaleinsatz in den Jugendstrafvollzugsanstalten lohne sich. Die Ausbildung zum Automechaniker in Rockenberg etwa sei gut. Knapp drei Viertel würden nach ihrer Entlassung eine Beschäftigung in einer Werkstatt finden. In Zukunft müsse noch stärker nach individuellen Angeboten geschaut werden. Und es gelte auch immer wieder auf neue Phänomene zu reagieren – so wie derzeit mit einem Pilotprojekt zum religiösen Extremismus.

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