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IS-Prozess Brüderchen und Schwesterchen

Vor dem Frankfurter Oberlandesgericht beginnt der erste Prozess gegen einen „Syrien-Heimkehrer“ des IS. Der 20-Jährige soll von Juli bis Dezember in Syrien gekämpft haben.

Im Frankfurter Oberlandesgericht beginnt der Prozess gegen einen „Syrien-Heimkehrer“. Foto: dpa

Vielleicht haben die zahlreich erschienenen Journalisten zu viel erwartet. Vielleicht haben sie einen fanatischen Gotteskrieger erwartet, mit funkelnden Augen und Hass im Herzen. Doch als Kreshnik B. den Gerichtsaal betritt, tut er dies in Gestalt eines kleinen, pummeligen Jungen, der sich nach besten Kräften um einen Vollbart bemüht. Er trägt einen Jogging-Anzug und ein fast schüchternes Lächeln, als er für die Fotografen posiert. Er versucht erst gar nicht, sein Gesicht zu verstecken.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem 20-Jährigen die Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS vor. Er soll von Juli bis Dezember 2013 in Syrien gegen das Assad-Regime gekämpft haben, die Anklage wirft ihm vor, an mehreren Kämpfen beteiligt gewesen zu sein sowie „Sanitär- und Wachdienste“ für die Mörderbande geleistet zu haben.

Kreshnik B. ist der erste sogenannte Syrien-Heimkehrer, dem in Deutschland der Prozess gemacht wird. Zusammen mit mehr als einem Dutzend Mitdschihadisten, die wie er von der Schulbank einer Frankfurter Berufsschule für Baufachtechnik gekeilt worden waren, reiste er im Juli 2013 per Bus nach Istanbul, von dort ging es weiter in die syrische Provinz Aleppo. „Ganz schlimm“ habe er es dort nach den Worten seines Anwalts Mutlu Günal gefunden, so schlimm, dass er jetzt unter einem „posttraumatischen Stresssyndrom“ leide und eher in Therapie denn auf die Anklagebank gehöre. Jedenfalls hatte Kreshnik B. bereits Ende des Jahres die Nase voll vom Krieg. Am 12. Dezember wurde er bei seiner Wiedereinreise nach Deutschland am Flughafen verhaftet.

Toleranz auf dem Platz

Wie viele deutsche Gotteskrieger ist Kreshnik B. zumindest bei Prozessauftakt noch ein völliges Rätsel. Freunde beschreiben den jungen Mann, der in Bad Homburg geboren wurde und zuletzt in Rödelheim wohnte, als freundlich und hilfsbereit. Was Toleranz anbelangt, ging der Junge mit kosovarischen Wurzeln gar deutlich weiter als andere: Er kickte für die U-17-Mannschaft des jüdischen Fußballclubs Makkabi Frankfurt, er schoss dort auch etliche Tore, die bis heute ihre Spuren zumindest im Internet hinterlassen haben. Kreshnik B. muss damals deutlich schlanker als heute gewesen sein. 2011 soll sich der aus einer westlich orientierten Familie stammende junge Mann erstmals gedanklich mit dem Islam beschäftigt haben, 2012 keimte wohl erstmals der Gedanke, dies irgendwann auch einmal militärisch zu tun.

Im Vorfeld des Prozesses hatte es Gespräche zwischen Verteidigung, Anklage und Gericht gegeben. Das Angebot des Senats ist nun dieses: Sollte Kreshnik B. in vollem Umfang geständig sein, dann werde das Gericht ihn zu einer Jugendstrafe verurteilen, die zwischen drei Jahren und drei Monaten und vier Jahren und drei Monaten liegen werde. Bis zum nächsten Verhandlungstermin am Freitag wollen Kreshnik B. und sein Anwalt überlegen, ob sie auf dieses Angebot eingehen. Mutlu Günal hatte in den Vorgesprächen deutlich gemacht, dass er für seinen Mandanten noch eine Bewährungsstrafe – unter „sehr strengen Auflagen“ – für angemessen halte. Vor Gericht schweigt sein Mandant erst einmal zu seiner Person und den Tatvorwürfen.

„Ihr seid dumme Kinder“

Dafür spielt das Gericht zwei Telefonate vor, die Kreshnik B. von Syrien aus mit seiner älteren Schwester führte. Und die haben es in sich. Tenor der Gespräche: Der kleine Kreshnik will sofort von Mama aus dem Kugelbad abgeholt werden. Doch seine Schwester hält ihm eine Gardinenpredigt, die sich gewaschen hat. Ob er schon „Krieger des Jahres“ geworden sei, will die Schwester wissen. Kreshnik fühlt sich als Gotteskrieger nicht ernst genommen, und das wohl zu Recht.

„Ihr seid dumme Kinder“, sagt die Schwester, verblendete Halbwüchsige, die sich von Verbrechern zu Mördern machen ließen – für 50 Euro Sold im Monat, während sich ihre Führer am Krieg eine goldene Nase verdienten. Er und seine Kameraden brächten Schande über die Muslime in Deutschland und der Welt. Er solle zusehen, dass er schleunigst dort verschwinde, und heimkommen – aber seine Familie werde mit Sicherheit nicht an der Grenze warten, um ihm das Händchen zu halten. Als es der Bruder mit einem zaghaften „Aber Allah sagt ...“ versucht, platzt der älteren Schwester der Kragen. „Halt dein Maul! Und erzähl mir nichts vom Krieg. Du weißt nichts vom Islam. Ich habe den Koran auch gelesen“ – und im Gegensatz zu ihrem Bruder verstanden.

Die Schwester sagt noch mehr. „Geh nicht wieder in den Krieg. Komm nach Hause. Deine ,Brüder‘ werden dich nie so sehr lieben wie wir dich lieben.“ Und er solle beim nächsten Anruf gefälligst skypen – das käme billiger. Als Kreshnik sagt, er habe Angst, verhaftet zu werden, sagt sie: „Ich besorge dir einen Anwalt. Da musst du nicht einmal selbst etwas sagen.“

Das war damals sicher ein guter Rat. Angesichts des Angebots des Oberlandesgerichts, das an eine eigenständige Aussage Kreshnik B.s gekoppelt ist, scheint er aber doch noch einmal zumindest überdenkenswert.

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