Lade Inhalte...

Hells Angels Rocker in den Knast

Im Prozess um die Himmelfahrts-Schießerei 2016 am Frankfurter Stoltze-Platz ist das Urteil gesprochen: Einer der Schützen wird zu mehr als zehn Jahren Haft verurteilt.

Landgericht
Der Angeklagte (Mitte) grüßt im Sicherheitssaal des Landgerichtes das Publikum mit dem Daumen nach oben. Foto: dpa

Athanasios A. vernimmt den Urteilsspruch mit unbewegter Miene und im Kreise seiner Lieben. Das 57 Jahre alte Mitglied des Rockerclubs Hells Angels wird am Mittwochmorgen von der Großen Strafkammer des Landgerichts unter anderem wegen versuchten Mordes und versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren und drei Monaten verurteilt. Die halbe Hundertschaft an Rockern, die am Tag der Urteilsverkündung den Zuschauerraum bis zum letzten Platz in Beschlag genommen hat, hält das für ein Fehlurteil. Und lauscht dennoch so gesittet, wie ihr Führer das befiehlt, der Urteilsbegründung der Vorsitzenden Richterin Bärbel Stock, die den ganzen Vormittag in Anspruch nimmt.

Athanasios A., davon ist die Große Strafkammer überzeugt, war einer der Schützen, die bei der Himmelfahrts-Schießerei 2016 am Stoltze-Platz mitgemischt hatten. A. und seine Mitrocker hatten an diesem Tag das Feuer auf einen vorbeifahrenden weißen SUV eröffnet. Dessen 41 Jahre alter Fahrer war zuvor mit Schimpf und Schande aus dem Verein gejagt worden, weil er anlässlich eines „klärenden Gesprächs“ im Rahmen einer rockerinternen Auseinandersetzung dem Vizepräsidenten des verbotenen, aber nach wie vor aktiven Charters Westend die Nase gebrochen hatte. Der Fahrer war bei der Schießerei lebensgefährlich, ein Beifahrer schwer verletzt worden.

Auch wenn die fatalsten Schüsse nicht von A., sondern von einem nach wie vor flüchtigen Mittäter abgegeben worden waren – laut Gerichtsurteil muss A. sich auch die lebensgefährdenden Schüsse des Mittäters mit anrechnen lassen.

„Es ging darum, die Ehre der Old-Schooler wiederherzustellen“, sagt Stock in der Urteilsbegründung und meint damit das mächtige Charter Westend, das in Rockerkreisen zu den Konservativen gezählt wird und sich in einer Art Dauerfehde mit türkisch dominierten „Jungen Wilden“ befindet.

Für die Kammer ist die Ehre der Old-Schooler ein niederer Beweggrund und damit ein Mordmerkmal.

Das sehen die Rocker anders. Beeindruckend ist am Tag der Urteilsverkündung ihre Choreographie: Keiner erhebt sich, als die Richter den Saal betreten – erst als ihr ebenfalls anwesender Chef Walter B., auch als „Schnitzel-Walter“ bekannt, per Handzeichen die Erlaubnis erteilt, lupfen die starken Männer ihre breiten Hintern. Es wird mitunter auch herzlich gelacht, etwa wenn Richterin Stock sagt, die Hells Angels hätten sich wegen der zertrümmerten Vize-Nase ja auch an die Polizei wenden können.

Da kann und will auch Schnitzel-Walter das Lachen nicht verbieten. Hohngelächter, als Stock das mangelnde „Mitleid“ mit dem nach eigenen Angaben schwersttraumatisierten Opfer rügt. Und anerkennendes Gemurmel, als Stock sagt, A. sei als Nicht-Vorbestrafter zwar besonders haftempfindlich, werde aber als Höllenengel die kommenden Jahre das Knast-Privileg genießen, „dass ihm jeder in der Dusche den Vortritt lässt“. Die massive Präsenz schwerbewaffneter Polizei im Zuschauerraum tut der guten Stimmung keinen Abbruch.

Athanasios A. hatte sich auf Notwehr berufen

Auch wenn es sich vielleicht nicht um einen von langer Hand geplanten Hinterhalt gehandelt habe, so sei der Tat- und Tötungsplan nach Ansicht der Kammer doch spätestens vor Tatort „sukzessive und konkludent“ gefasst worden – eine These, die die Rocker mal unkommentiert lassen. Die Schießerei in der Innenstadt am helllichten Tag habe in der Bevölkerung „Angst und Schrecken“ verbreitet und Frankfurts üblen Leumund als „Hauptstadt der Kriminalität“ weiter gefördert. Weder die Stadt noch der Rechtsstaat könnten solche Sitten tolerieren.

Athanasios A. hatte sich auf Notwehr berufen – die anderen hätten zuerst gefeuert, hatte er in einer späten Einlassung erzählt. Die Kammer wertete das als „taktisches Teilgeständnis“ und Diktat von Schnitzel-Walter. Auch A.s Verteidiger hatten auf Notwehr und Freispruch plädiert – unmittelbar nach Urteilsverlesung kündigen sie an, in die Revision gehen zu wollen. Athanasios A. hatte zu Beginn des Verhandlungstags erwartungsgemäß auf ein letztes Wort verzichtet. Das übernimmt am Ende draußen vor der Tür Schnitzel-Walter, der einem Reporter immerhin verrät, er erachte das Urteil als „lächerlich“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen