Lade Inhalte...

Prozess in Frankfurt Oma verprügelt Trickbetrüger

Eine 82-Jährige verprügelt in Frankfurt zwei Trickbetrüger mit ihren Krücken, kann aber nicht als Zeugin zum Gericht kommen. Immerhin kommt einer der verdroschenen Ganoven.

Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild) Foto: ddp

Diese Geschichte beginnt wie eine alltägliche Meldung im Bericht der Frankfurter Polizei. Aber zum Glück endet sie anders.

Am Vormittag des 10. Februar 2015 klingeln Michael S. und Ibryam T. an der Wohnungstür von Mirjana M. im Ostend. Die 82 Jahre alte Frau, die sich nur noch mit Hilfe zweier Gehhilfen fortbewegen kann, öffnet die Tür. Daraufhin ziehen S. und T. den üblichen Trickbetrüger-Schmu ab: T. sagt, sein Kumpel S. leide an Unterzuckerung, er bitte um ein wenig Wasser, er habe eine Flasche dabei, die er gerne auffüllen wurde.

Im Polizeibericht endet diese Geschichte meist so: Alte Frau lässt Gauner ein, Gauner klauen aus der Keksdose im Schlafzimmer Goldschmuck und Bargeld im zumeist vierstelligen Bereich und werden nie mehr gesehen. Aber in Mirjana M. haben sich die Gangster diesmal das falsche Opfer ausgesucht.

Sie sei vielleicht alt, aber nicht dement, gibt die Dame den Herren zu verstehen, sie sollten sich ihr Wasser sonstwo holen. T. stößt die Frau zur Seite, diese strauchelt, S. begibt sich schnurstracks ins Schlafzimmer, durchwühlt die Keksdose, findet aber bloß Schokolade. Mirjana M. hat sich mittlerweile wieder aufgerappelt und ruft nicht bloß laut um Hilfe: Gnadenlos lässt sie ihre beiden Krückstöcke auf die Häupter der Missetäter prasseln, so dass diese – geschlagen im wahren Sinne des Wortes – ohne Beute Reißaus nehmen.

Den Rest erledigen solide Polizeiarbeit und Kommissar Zufall: Michael S.‘ DNA wird an der Wasserflasche gefunden, die dieser im Krückstockhagel hatte fallen lassen. In der Fotomappe, die die Polizei Mirjana M. zur Identifizierung vorlegt, ist wie durch ein Wunder auch ein Foto von Ibryam T. dabei.

„Ich bin 70 Prozent verrückt“

Zur Verhandlung vor dem Amtsgericht erscheint Ibrayim T. nicht, das Verfahren gegen ihn wird abgetrennt. Michael S. aber ist anwesend. Und spielt auf der Anklagebank, wie es scheint, zunächst mal den Vollidioten: Erst gesteht er die Tat, dann leugnet er sie, dann will er lediglich bei der Frau geklingelt haben, um eine leere Flasche in die Bude zu schmeißen. Er sagt satzähnliche Sachen wie „Ich bin ein bisschen Alphabet“ und „Ich bin 70 Prozent verrückt“. Und ziemlich schnell wird klar: Der spielt den Vollidioten gar nicht.

Seit ein paar Jahren steht S. unter Betreuung. Weil er intellektuell nicht in der Lage sei, die Diabetes, an der er tatsächlich leide, in den Griff zu bekommen, sagt sein Betreuer. S. habe einen gemessenen Intelligenzquotienten von knapp über 50 – weniger geht kaum. Vor Kurzem habe er seinem Schützling ein Handy und ein Girokonto besorgt – das Handy sei nach wenigen Tagen fort gewesen, das ohnehin magere Konto bis ultimo abgebucht, vermutlich von den zahlreichen „Cousins“, die S. zwar ein Minimum an sozialem Halt böten, ihn aber auch skrupellos schröpften, wenn sich die Gelegenheit biete. S. stammt aus einem hochkriminellen Roma-Clan. „Herr S. verlegt seinen Wohnsitz innerhalb seines Clans vom einen zum anderen“, sagt seine Anwältin, „er ist praktisch ohne festen Wohnsitz.“ Niemand wirft S. vor, die Frau geschubst zu haben. Niemand glaubt, dass er intellektuell in der Lage ist, selbst ein simpelstes Verbrechen zu planen. Angeklagt ist er – aufgrund des Schubsers – dennoch wegen versuchten Raubes.

Die Heldin der Geschichte, Mirjana S., kommt leider nicht: Sie musste zur Beerdigung ihres Bruders nach Serbien. Zum Fortsetzungstermin im März aber soll sie erscheinen. Die Aussagen anderer Zeugen lassen Großes erhoffen: „Trotz ihres hohen Alters ist sie geistig topfit“, sagt eine Polizistin. „Sie stand im Flur, schrie und schwang ihre Gehstöcke“, sagt die Nachbarin, während Michael S. „aus der Wohnung rausgeschossen“ sei. Er habe „sehr erschreckt“ gewirkt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen