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Landgericht Frankfurt Nicht der Weihnachtsmann

Ein 27-Jähriger prügelt seine 51-jährige Nachbarin mit einem Baseballschläger tot, sein Verteidiger sieht darin aber keinen heimtückischen Mord. Denn es geht um die Frage: Gefängnis oder Psychatrie? Nach den Plädoyers sagt der Angeklagte selbst auch etwas zu der Tat.

Das Amtsgericht Frankfurt hat eine Prostituierte frei gesprochen. Foto: ddp

Manchmal kommt es vor, dass sich ein Anwalt beim Plädoyer verbal vergaloppiert. So ergeht es auch dem Anwalt von Kenneth N., der am Montag dem Landgericht begründen will, warum sein Mandant eigentlich von der Anklage des Totschlags freizusprechen ist und nicht von der des Mordes. Es geht um das Mordmerkmal Heimtücke.

Kenneth N. hatte am 27. Dezember 2012 in Bad Homburg eine 51 Jahre alte Nachbarin in deren Wohnung mit einem Baseballschläger totgeprügelt, während deren Nachbarn vor der Wohnungstür hilflos auf die Polizei warten mussten. Von einem Motiv keine Spur. Und von Heimtücke, sagt der Anwalt, könne keine Rede sein, diese setze ja die „bewusste Ausnutzung der Arglosigkeit“ des Opfers voraus, und schließlich habe sein Mandant dreimal geklingelt, bevor er buchstäblich „mit der Tür ins Haus gefallen“ sei. Und wenn jemand mit Baseballschläger die Wohnungstür eintrete, dann werde der Bewohner „kaum mit dem verspäteten Besuch des Weihnachtsmannes rechnen“. So kann man’s natürlich formulieren. Muss man aber nicht.

„Der ist ja irre“

Doch letztlich geht es bei dem Prozess um etwas ganz anderes: um die Frage der Schuldfähigkeit. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Kenneth N. unter einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung leidet, was seine Schuldfähigkeit reduziert. Sie fordert dennoch eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren und neun Monaten.

Kenneth N.s Anwalt geht von einer ausgewachsenen Schizophrenie aus. Das Gutachten des Sachverständigen lässt beide Deutungsarten zu. Der Anwalt mag Freispruch für seinen Mandanten fordern, aber er ist kein Narr. Er weiß, dass Kenneth N. die kommenden Jahre nicht in Freiheit verbringen wird. Es kommt nur darauf an, ob im Gefängnis oder in der Psychiatrie.

Der Anwalt zitiert den Satz eines Zeugen. „Der ist ja irre“, war dessen erster Gedanke, als der 27-Jährige in der Wohnung der Nachbarin wütete. Später, im Polizeigewahrsam, sorgte Kenneth N. für Verwunderung weil er in seiner Zelle gymnastische Dehnübungen veranstaltete – eine Marotte, die er auch während des Prozesses nie ganz ablegen konnte. „Der ist ja irre“ – dieser Satz mag auch dem einen oder anderen Prozessbeobachter in den Sinn gekommen sein.

Auswendig gelernt

Nach den Plädoyers hat Kenneth N. das letzte Wort. Und tatsächlich, er sagt was. Er steht auf, legt die Hände militärisch an die Hosennähte, und sagt: „Ich bereue, was vorgefallen ist. Ich hoffe, mit Hilfe der Therapie wieder ein Mitglied dieser Gesellschaft werden zu können. Ich drücke der Familie mein Beileid aus.“ Es klingt wie die auswendig gelernten Sätze eines Mannes, der eigentlich gar nicht weiß, warum er hier vor Gericht steht.

Die Landgerichtskammer unter dem Vorsitz von Klaus Drescher will am Mittwoch, 23. Oktober, das Urteil verkünden. Die Kammer will in diesem komplizierten Fall besondere Sorgfalt walten lassen, auch wenn das alles laut Drescher ein bisschen an den „Streit um Kaisers Bart“ erinnere – denn an einem längeren Aufenthalt in der Psychiatrie führt wohl kein Weg vorbei.

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