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Jugendwort Babo Gerichte Wenn der Chabo mit dem Notz dratst

Wer nicht weiß, was Babos und Chabos sind, versteht die Jugend nicht. Ein Richter kann sich so etwas nicht leisten. Das zeigt der Alltag in Frankfurter Gerichtssälen.

"Babo" das Jugendwort des Jahres 2013. Foto: dpa

Wer nicht weiß, was Babos und Chabos sind, versteht die Jugend nicht. Ein Richter kann sich so etwas nicht leisten. Das zeigt der Alltag in Frankfurter Gerichtssälen.

Man muss als Richter mit der Zeit gehen. Dazu gehört nicht nur das Studium der „Neuen Juristischen Wochenschrift“. Mussdu auch Facebook gucken, Alder, ich schwöre. Weil du sonst null checkst, was die Honks, die du verknacken sollst, eigentlich sagen wollen.

„Babo“ ist zum Jugendwort des Jahres gewählt worden. „Babo“ bedeutet so ungefähr Obermotz, Klops der Klopse, Numero Uno, Oberster Käse. Im Gegensatz zum „Chabo“, der nicht so viel zu melden hat. Bei Gericht ist es so, dass der Richter der Babo ist. Viele Angeklagte rekrutieren sich hingegen aus der Kaste der Chabos. Das führt oft zu Missverständnissen. Die Chabos wissen nicht, wer der Babo ist. Und der Babo versteht nicht, was die Chabos ihm erzählen wollen.

Vor nicht allzu langer Zeit stand vor dem Frankfurter Landgericht ein solcher Chabo. Er hatte einen anderen Chabo ein bisschen mit dem Messer geritzt. Im Kern ging es um die Frage, warum zur Hölle der Angeklagte überhaupt ein Messer mit sich geführt habe, wo er doch – zumindest nach eigenen Angaben – gar nicht vorhatte, seinen Spezi zu stechen. Nun verlief die Diskussion auf verschiedenen semantischen Ebenen. „Was wolltest du mit dem Dolche? Sprich!“ – so ungefähr fragte der Richter. „Ich wollte den tollschocken“, sagte der Angeklagte. „Sie wollten ihn schockieren?“ fragte der Richter. „Ich wollte den tollschocken“, sagte der Angeklagte. „Sie wollten ihn also ganz toll schockieren?“ fragte der Richter. „Ich wollte den toll-scho-cken“, sagte der Angeklagte. Ganz langsam und deutlich, als wolle ein Erwachsener einem doofen Kind erklären, dass man sich nicht mit bloßem Hintern auf die heiße Herdplatte setzt. Da gab der Richter auf.

"Digger" Richter

Nun ist es so, dass das Wort „Tollschocken“ Anfang der 60er vom britischen Autor Anthony Burgess für seinen Roman „A Clockwork Orange“ erfunden worden war. Das Sprachengenie Burgess suchte für eine Bande pubertierender Gewaltverbrecher ein angemessenes Idiom, und er hob „Nadsat“ aus der Taufe, eine Kunstsprache, die sich aus Russisch, Londoner Cockney, Gypsy Slang und Kinderbrabbelei zusammensetzt. „Tollschocken“ heißt dort so viel wie zusammenschlagen.

Was der Angeklagte sagen wollte, war: „Gar nichts wollte ich mit dem Messer. Ich wollte ihm eins in die Schnauze hauen. Das mit dem Messer hat sich dann halt so ergeben.“ Beim Richter kam an: Der Kerl ist ein Vollidiot und Trunkenbold, der seinen Freund mit dem Messer stechen wollte. Oder, auf gut Nadsat: Der Maltschik ist ein Glupjek und Pyanitsa, der seinen Droog mit dem Notz dratsen wollte. Der Angeklagte hingegen muss den Richter für einen Starri und Sophisto gehalten haben.

Die ganze Geschichte nahm ein einigermaßen versöhnliches Ende. Der Richter, fest überzeugt, dass ein dummer August im Zuchthaus nicht klüger werde, verurteilte den jungen Mann zu einem Anti-Aggressions-Seminar und gemeinnütziger Arbeit (Nadsat: Govorit & Robotten).

Es kann auch schlimmer kommen: Ein Jugendrichter fuhr einstmals aus der Haut, weil er von vermeintlich manierenfreien Lausbuben mehrfach mit „Digger“ angeredet worden war. Was aber keinesfalls bedeuten sollte, dass der Richter eine Riesenplautze gehabt hätte. „Digger“ bedeutet im HipHoppischen so viel wie „Kollege“. Zugegeben: auch nicht gerade respektvoll.

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