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Gast zu Tode geprügelt Duell der Türsteher

Im Verfahren gegen vier Türsteher des Frankfurter Clubs U60311, die Ostern 2011 einen Gast zu Tode geprügelt haben sollen, belasten sich zwei der Angeklagten wechselseitig. Zwei Mitangeklagten werden zu Statisten in einem komplizierten Prozess.

Obwohl der Club den deutschen Techno mitprägte, machte er wegen Drogenrazzien und Schlägereien oft Schlagzeilen. Am Ostermontag, den 25. April 2011, kam es zur Eskalation. Ein 31-jähriger Besucher verlor in einem Kampf mit mehreren Türstehern sein Leben. Die drei Türsteher befinden sich derzeit in Untersuchungshaft. Foto: dapd

Der Prozess gegen die vier Türsteher, die Ostern 2011 einen britischen Gast in der Disco U60311 totgeprügelt haben sollen, wird mehr und mehr zum Kräftemessen zweier Angeklagter. Athanassios G. und Ömer H. beschuldigen sich gegenseitig, hauptverantwortlich für den Tod des Briten zu sein. Es sind zwei Türsteher, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Ömer H. ist optisch der Beängstigende des Quartetts. Der große, muskulöse Mann erscheint im grauen Jogging-Anzug vor Gericht. Er trägt einen säuberlich gestutzten Bart, sein Schädel ist kahlrasiert und bietet freien Blick auf die Tätowierungen, die sich rechts und links vom Halswirbel über die Ohren ziehen. Ömer H. ist 30 Jahre alt, eigentlich ist er arbeitslos, verdiente sich aber als Türsteher ein Zubrot.

Ömer H. ist kein Mann des Wortes. Wenn er spricht, endet das oft in unglücklichen Formulierungen, etwa wenn er sagt, dass „der Verstorbene sich an meine Beine gekrallt“ habe. Zu Beginn seiner Einlassung entschuldigt er sich bei den Hinterbliebenen des Opfers, die als Nebenkläger im Prozess sitzen. Seine Stimme zittert, die Finger trommeln nervös auf den Tisch. Auch die Finger seiner Hände sind tätowiert, jeder mit einem einzelnen Buchstaben, bis auf die Daumen. Wenn er die Fäuste ballt, kann sein Gegenüber dort „Game over“ lesen. Wenn es dazu die Zeit findet. Ömer H. beschäftigt sich in seiner Freizeit mit asiatischer Kampfkunst. Er hat viel Freizeit.

Bizarres Workout vor der Richterbank

Athanassios G., 35 Jahre alt, arbeitet eigentlich für eine Versicherung. Das Türstehen ist für ihn eher ein Nebenjob, bei dem ihm zugutekommt, dass er gut boxen kann. „1,76 Meter, 76 Kilo, Mittelgewicht“, beschreibt er sich vor Gericht. Im Gegensatz zu Ömer H. hat er bei der Industrie- und Handelskammer eine „Sachkenntnisprüfung“ für das Türstehergewerbe abgelegt. Die geht so: „Man macht eine mündliche und eine schriftliche Prüfung und dann kriegt man so ’ne Urkunde.“

Athanassios G. trägt ein blütenweißes Hemd und eine sauber gebundene Krawatte. Er sieht eher wie ein Versicherungsvertreter als wie ein Türsteher aus. Wo Ömer H. „was gesehen“ hat – oder auch nicht –, hat er „etwas bewusst wahrgenommen“ – oder auch nicht. Der Unterschied zwischen den beiden wird spätestens dann klar, wenn sie ihre abendliche „Du-kommst-hier-nicht-rein-Arbeit“ beschreiben. „Ich mach’ Tür“, sagt Ömer H. „Ich arbeite an der Selektion“, sagt Athanassios G. Ausgerastet sei Athanassios G. in jener Nacht, sagt Ömer H.. Er habe seinen Kollegen von dem bereits auf dem Boden liegenden Opfer wegziehen müssen. Athanassios G. sei ohnehin ein schwieriger Charakter, er habe schon öfter Gäste angepöbelt, mache dabei auch vor Frauen nicht halt und lege ein chronisch aggressives Verhalten an den Tag.

Sicher, auch er habe ausgeteilt und dabei das Opfer getroffen, aber sicher nicht tödlich. Für die Dauer seiner Aussage darf Ömer H. aufstehen und dem Gericht vorführen, welche Schläge und Griffe er während der Schlägerei einsetzte. Es ist ein bizarres Workout vor der Richterbank. Ömer H. setzt die Tritte in Zeitlupe, jeder kann sehen, wie er seinen Körper perfekt im Griff hat. Während die Muskeln warm werden, fällt ihm auch das Reden immer leichter.

Ömer H. habe wie ein Besessener auf das Opfer eingeschlagen, sagt Athanassios G. Er nicht. Er habe dem Briten „im Zorn nur zwei Schläge auf den Oberarm verpasst.“
Fakt ist, dass der Brite totgeprügelt wurde. Nicht durch einen einzelnen, unglücklichen Schlag. Sondern durch eine Menge von Tritten und Schlägen, ausgeführt von Leuten, die ihr Metier beherrschen. Doch unisono versichern die Türsteher, lediglich eingegriffen zu haben, als die Schlägerei bereits in vollem Gange gewesen sei. Sie hätten sie lediglich beenden wollen. Wer angefangen und wer Schuld haben könne, davon will niemand etwas wissen.

Doch durch die Aussagen von Athanassios G. und Ömer H. geraten die beiden anderen Mitangeklagten mehr und mehr zu Statisten in einem immer komplizierter werdenden Prozess. Es ist schwierig genug, einfache Sachverhalte aufgrund von Zeugenaussagen zu rekonstruieren. Bei einer Schlägerei in der Disco scheint das geradezu unmöglich.

Man kenne sich „nur von der Arbeit, nur von der Disco“, das sagen beide. Freunde seien sie nie gewesen und werden es in diesem Leben wohl auch nicht mehr. Was beide eint, ist der beseelte Eifer, mit dem sie ihre eigene Rolle in der Osternacht klein- und die des anderen großreden. Die nächste Verhandlungswoche könnte mehr Klarheit bringen – dann soll die Freundin des Opfers aussagen.

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