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Gericht Ali und die Räuber

Ein verurteilter 19-Jähriger bezichtigt einen alten Bekannten aus dem Gefängnis heraus der Rädelsführerschaft. Jetzt verhandelt das Jugendschöffengericht.

Er hat mich gehasst, ich habe ihn gehasst – das ist die Kurzfassung“, fasst der Angeklagte Alireza H. (20), für Freunde Ali, den Sachverhalt und sein Verhältnis zu Gürkem D. (19) vor dem Jugendschöffengericht zusammen.

Hier kommt die Langfassung: Gürkem D., gewissermaßen Zeuge der Anklage, sitzt derzeit eine dreieinhalbjährige Jugendstrafe in Rockenberg ab. Er hatte als Teil einer Bande junger Männer diverse Raubüberfälle im Rhein-Main-Gebiet begangen. Allein im Herbst 2016 war er an Überfällen auf einen Friseurladen, eine Tankstelle und eine Spielothek, alle in Usingen, beteiligt. Im Dezember 2016 wurde er verhaftet. Im Februar 2018 schwärzte er im Knast Ali H. als eigentlichen Räuberhauptmann an. Er habe die Taten nur begangen, weil Ali H. und dessen böser „Cousin“ Milad S. ihn dazu gezwungen hätten. Schon nach dem Überfall auf den Friseur habe ihm das Gewissen geschlagen, er habe H. davon in Kenntnis gesetzt, dass er sich an die Polizei wenden wolle. Daraufhin habe H. ihn von einem Container geschubst, sodass er sich beide Arme brach.

Kurz darauf hätten ihn H. und S. gezwungen, maskiert und mit einem Küchenmesser bewaffnet die Tankstelle auszurauben. Er habe „aus Angst“ und mit „Tränen in den Augen“ gehorcht. Dass von den mehr als 1000 Euro Beute nur 100 bei ihm gelandet seien, dürfte zusätzlich auf die Tränendrüse gedrückt haben. Wenige Tage später, wieder unter Zwang und Drohungen, sei dann die Spielothek an der Reihe gewesen. Dabei habe er Ali H. zuvor noch gefragt, ob die Pistole, die der ihm in die Hand gedrückt habe, echt sei. Die Pistole sei „weder echt noch unecht“, habe H. geantwortet, das habe ihm irgendwie eingeleuchtet. Aber heute wolle er, „dass Ali seine gerechte Strafe kriegt“.

Der Polizei als kleines Licht bekannt

Eine solche sei eher ungerecht, sagt Ali H., der eine Beteiligung an den Raubüberfällen schlicht leugnet. Wahr sei lediglich, dass er Gürkem D. flüchtig kenne und nicht leiden könne. Jetzt wolle der ihn anschwärzen.

Ein Polizist im Zeugenstand sagt, dass D.s Anschuldigungen nicht so abwegig seien, wie sie sich manchmal anhören. D. sei der Polizei als kleines Licht bekannt gewesen, „der ständig mit den Großen in Usingen abgehangen“ habe. Der frisch geflüchtete, der deutschen Sprache kaum mächtige D. sei daher ein potenziell willfähriger Handlanger einer mehr oder weniger losen Bande jugendlicher Intensivtäter gewesen. Vor allem Milad S. sei „in Usingen eine Institution“ – kein Drogengeschäft im Hintertaunus, in dem Milad S. oder sein Bruder nicht die Finger im Spiel hätten. Als Organisator von Raubüberfällen kenne man S. noch nicht, aber diese These scheint dem Polizisten „nicht völlig aus der Luft gegriffen“.

Der als Zeuge geladene Milad S. erscheint nicht, was ihm ein Ordnungsgeld von 150 Euro einbringt. Das Gericht will nun versuchen, ihn am nächsten Verhandlungstag polizeilich vorführen zu lassen. Die Jugendrichterin ermahnt den ihr sattsam bekannten Ali H., auch am kommenden Verhandlungstag zu erscheinen und brav die Anklagebank zu drücken – sie wisse aus anderen Prozessen, dass H. „gerne mal einen Verhandlungstag von heute auf morgen vergisst“. Das werde diesmal nicht geschehen, versichert Ali H. mit einem Lächeln, das man freundlich als selbstbewusst beschreiben kann.

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