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Frankfurt Zugeparkt und ausgerastet

Ein 74-jähriger Mann soll Sanitäter bei einem Rettungseinsatz in Niederrad behindert und gepöbelt haben. Der Fall landet vor Gericht.

Rettungswagen
Rettungswagen im Einsatz (Symbolbild). Foto: imago

Was sind das eigentlich für Menschen, die Sanitäter im Einsatz bedrohen und anpöbeln? Jedenfalls keine wie er, sagt Chosra F., was erst mal paradox klingt, weil er wegen Behinderung von Hilfsbedürftigen bei einem Unglücksfall und Beleidigung auf der Anklagebank des Amtsgerichts sitzt.

Laut Anklage hatte F., 74 Jahre alt und nach eigenen Angaben „Juwelierhändler“ im Ruhestand, keinesfalls altersgerecht randaliert, als am 8. Januar dieses Jahres ein Rettungswagen im Einsatz seinen Parkplatz blockierte. Die Helfer waren zu einem Seniorenwohnheim in Niederrad gerufen worden, nachdem ein Bewohner einen Schock erlitten hatte. Chosra F. machte die Sanitäter laut Anklage „schreiend und wild gestikulierend“ darauf aufmerksam, dass er wegfahren wolle und sie den verdammten Rettungswagen gefälligst woanders parken sollten. 

Angeklagter mit mangelhaften Deutschkenntnissen 

Eine Sanitäterin soll er als „Arschloch, Fotze, Schlampe“ tituliert haben. Sehr viel mehr war wohl auch gar nicht möglich, denn in den 22 Jahren, die F. in Deutschland lebt, hat er noch keinen nennenswert großen Wortschatz gehortet. Selbst als der Patient mit Sauerstoffmaske in den Rettungswagen geschoben wurde, soll F. direkt an der Trage gepöbelt und gedroht haben. Die Sanitäter hatten jedenfalls den Eindruck, den Einsatz nicht weiterführen zu können, bis die von ihnen alarmierte Polizei eintraf.

Völliger Blödsinn, lässt Chosra F. dem Gericht via Dolmetscher ausrichten - auf eine Verteidigung hat er verzichtet. Er habe an jenem Tag in aller Höflichkeit die Sanitäter darum gebeten, die Straße für ihn freizumachen. In dem Seniorenheim, in dem er und der damalige Patient wohnen, seien Rettungseinsätze alltäglich, da bestünde ja wohl beim besten Willen kein Grund, ihn zuzuparken.

Mit unverständlichen Spezialwörtern beschimpft

Auf seine höflichen Bitten hin, die Gasse sofort für ihn zu räumen, habe der Sanitäter aus heiterem Himmel begonnen, ihn auf das Furchtbarste zu beschimpfen. „Er hat mich in deutscher Sprache wüst beleidigt, aber ich habe es nicht verstanden, weil das besondere Schimpfwörter waren“, übersetzt sein Dolmetscher und muss dabei selbst ein wenig schmunzeln. Noch schlimmer sei die Sanitäterin gewesen, die zu dem Notfallpatienten an ihm vorbeigehastet sei, „ohne ein Wort zu sagen“. „Ich habe doch nur ein kleines Maß an Menschlichkeit erwartet“, jammert F. Und so etwas bekommen. Eine Schande!

Auch die Polizei habe ihn mit vielen unverständlichen Spezialwörtern beschimpft. Und sei beleidigt gewesen, als er die Beamten in gebrochenstem Deutsch geduzt habe. Dabei kenne er den Unterschied zwischen „Sie“ und „Du“ überhaupt nicht. Das könne er nach so kurzer Zeit in einem so fremden Land ja auch gar nicht. Prinzipiell sei Deutschland „ein wunderbares Land mit wunderbaren Gesetzmäßigkeiten“, sagt der gebürtige Perser, aber an jenem Tag habe eine „Fraktion aus Sanitätern, Polizei und Gericht“ beschlossen, ihn durch Verleumdung zu zerstören.

Verurteilung zu 90 Tagessätzen 

Es ist nicht das erste Mal, dass Polizei und Justiz den in eigenen Augen schuldlosen F. verfolgen. Sein Führungszeugnis weist ungerechtfertigte neun Eintragungen auf, darunter Verstöße gegen das Asylgesetz, Schleusung, Urkundenfälschung, Diebstähle. Kronjuwel ist eine dreieinhalbjährige Freiheitsstrafe wegen Drogenhandels – das Leben eines Juwelierhändlers scheint facettenreich zu sein.

Und wie üblich werden auch diesmal nicht die wahren Schuldigen, sondern es wird Chosra F. verurteilt, und zwar zu 90 Tagessätzen à zehn Euro. Allerdings nur wegen Behinderung, nicht wegen Beleidigung, da Michelle H,. die 29 Jahre alte Beschimpfte, sich im Zeugenstand nicht mehr im Detail an F.s Beschimpfungen erinnern kann.

Diese, sagt sie außerhalb des Gerichtssaals, seien vergleichsweise nicht einmal allzu wüst gewesen. Noch Übleres müsse sie auf der Arbeit fast täglich hören und ertragen, aber das Gute in diesem Fall sei gewesen, dass F. nicht habe abhauen können, wie die Pöbler das sonst meist täten. Weil er ja zugeparkt gewesen sei.

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