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Frankfurt Respekt für Schwesta Ewa

Der Prozess gegen Ewa Malanda geht dem Ende entgegen. Der Vorwurf, sie habe minderjährige Fans zur Prostitution gezwungen, war wohl etwas vorschnell.

Rapperin Schwesta Ewa
Ewa Malanda, bekannt als Rapperin Schwesta Ewa, vor dem Landgericht in Frankfurt. Foto: dpa

Respekt ist ein Tribut, der in dem Milieu, aus dem Schwesta Ewa stammt, inflationär eingefordert wird. Wobei es da gar nicht um Respekt geht, sondern um Angst. „Hast du keinen Respekt?“ ist dort neben „Was guckst du?“ die allgemein übliche Begrüßungsformel, bevor man seinem Nächsten das Nasenbein bricht. Aber Angst bekommt man mitunter geschenkt, Respekt muss man sich verdienen.

Männer kennt Schwesta Ewa nach eigenen Angaben gut genug, um den Respekt ihnen gegenüber in Zaum zu halten. Sie kenne viele Männer, hat sie zu Beginn des Prozesses erzählt, aus aller Herren Länder, und das Einzige, woran man sie unterscheiden könne, sei die Größe ihres Gemächts. Bei einem Blick auf die Männer-Clique, die zur Unterstützung der Angeklagten in den Zuschauersaal des Landgerichts gekommen sind, könnte man fast meinen, dass da was dran ist: gleiche Frisur (Undercut), gleicher Oberarmdurchmesser (XXL), gleiche breitbeinige Attitüde. Unterscheidung schwierig: alle tragen Hosen. Immerhin scheinen sie alle einen Mordsrespekt vor der Schwesta zu haben: Bevor diese aussagt, verlassen alle Mann auf einen fast unmerklichen Wink der Angeklagten den Gerichtssaal – und warten brav draußen vor der Tür, bis die ersten Zeugen mit ihren Aussagen an der Reihe sind.

Die Protokolle der Überwachung von Schwesta Ewa legen nahe, dass es mit dem Respekt gegenüber Frauen auch nicht allzu weit her ist. Etliche Male waren zumindest die Mikrofone Zeuge von einem der zahlreichen Wutausbrüche der Schwesta. „Dämliche Hure“ war dabei noch das Netteste, was die Angeklagte den Frauen, die unter ihrer Regie anschaffen gingen, an den Kopf warf. Waren die Damen unter sich, redeten sie sich allen Ernstes mit „Digger“ und „Alder“ an, was schon bei Männern lächerlich genug klingt. Das war die Schwesta, wie man sie kennt, wie sie leibt und rapt. „Zu viele Schwätza machen auf Baba / Zu viele Stricher machen auf Krasser / Zu viele Pissers wollen Nutten rippen“, reimt die rappende Ex-Hure in ihrem Song „Schwätza“ – auch bei ihren Liedern fällt es zumindest Außenstehenden schwer, Unterschiede zu entdecken.

So viel zur Schwesta. Mit der Ewa Malanda, geborene Müller, gegen die derzeit das Landgericht wegen Zuhälterei, Menschenhandel, Körperverletzung und Steuerhinterziehung verhandelt, hat die Schwesta nur wenig zu schaffen. Fast scheint es so, als habe die Angeklagte Respekt vor dem Gericht. Jedenfalls schenkt sie sich jegliches Digger-Alder-Geschwafel, redet wie ein ganz normaler Mensch, reißt sich am Riemen. Bei ihren vermeintlichen Opfern entschuldigt sie sich mit gewählten Worten. Vielleicht ist das der Grund, warum ihre Posse während ihrer Aussage den Saal verlassen mussten: Mit so einem Benehmen ist im Gangsta-Rap-Milieu nun wirklich kein Staat zu machen.

Wenn man ihren – zumindest offiziellen – Lebenslauf betrachtet, dann kann man Ewa Malanda schon einen gewissen Respekt entgegenbringen: 1984 im polnischen Koszalin als Ewa Müller geboren. Die Mutter geht auf den Strich, der Vater sitzt im Knast. Ewa steigt nach eigener Aussage mit 17 in das Gewerbe ihrer Mutter ein und ist europaweit aktiv. Mit 17 wird sie in Kopenhagen erstmals wegen Prostitution festgenommen – ihr Vorstrafenregister ist aber bis heute blütenweiß, was in diesem Gewerbe eher eine Ausnahme ist.

Sie wird abhängig von Crack – und kommt alleine davon los. 2004 macht sie ihren Hauptschulabschluss und zieht nach Frankfurt. 2012 tritt sie erstmals in dem Song „Beifall“ des Gangsta-Rappers Xatar musikalisch in Erscheinung, 2015 erscheint ihr eigenes Debütalbum „Kurwa“ – polnisch für „Hure“ – und erreicht prompt eine respektable Chart-Platzierung. Malanda verdient jetzt gutes Geld, genug, um die Steuer zu behumsen. Sie hängt ihren Beruf an den Nagel und lässt jetzt andere für sich anschaffen. Nebenbei macht sie Musik.

Es wurde im Vorfeld des Prozesses viel berichtet über Schwesta Ewa, und nichts Gutes: Sie habe ihre Popularität genutzt, um junge, teils gar minderjährige Fans  per Facebook in die Prostitution zu treiben. Und sie anschließend in finanzieller Abhängigkeit gehalten und mit roher Gewalt dazu gezwungen, der Prostitution nachzugehen. Die Aussagen der Opfer sagen etwas anderes. Von den vier als Zeugen geladenen Frauen gingen drei bereits der Prostitution nach – und hatten nach eigener Aussage die Schwesta dringend darum gebeten, für sie die Geschäfte zu managen. Auch die damals 17-Jährige ging keineswegs ihrem Idol auf den Leim. Sie schätze die Musik der Schwesta, sagte sie vor Gericht, aber das sei nicht der Grund gewesen, weshalb sie via Facebook Kontakt zu ihr aufgenommen haben. Sie sei vielmehr wild entschlossen gewesen, als Hure schnelles Geld zu verdienen – was gemeinsam mit der Schwesta auch prima geklappt habe. Erst, als sich ihrer beider Wege getrennt hätten, seien die Umsätze eingebrochen, was sie schließlich dazu bewogen habe, diesen Beruf aufzugeben.

Von Zwang war im Prozess fast keine Rede mehr. Sicher, Schwesta Ewa habe sie öfters geschlagen, aber nur, wenn ihr in Alltagssituationen mal wieder die Hutschnur geplatzt sei. Aber Gewalt, sagten die Zeuginnen, sei in dem Milieu nun mal an der Tagesordnung. Und auch den Opfern nicht fremd. Eine der Zeuginnen ist bereits wegen eines Gewaltdeliktes vorbestraft: Sie hatte einem Komplizen die Tür zur Wohnung eines Freiers geöffnet, den dieser dann mit einer Eisenstange windelweich geschlagen hatte. „Aber ich habe nicht mitgeschlagen, ich bin nur danebengestanden“, sagte die Frau vor Gericht. Ihr Verhältnis zu ihrer Zuhälterin beschrieben sämtliche Zeuginnen als mehr oder weniger freundschaftlich: Man sei nicht bloß zusammen zum Anschaffen quer durch die Republik gefahren, sondern habe auch gemeinsam Konzerte und Diskos besucht, habe zusammen „gechillt“ und hin und wieder gemeinsam versucht, ein paar Kilo abzunehmen. Dass die Schwesta vom Dirnenlohn stets die Hälfte kassierte, störte keine von ihnen. Der Satz ist auch durchaus branchenüblich. Das Frankfurter Bahnhofsviertel, das lehren andere Prozesse, ist voll von Prostituierten, die viel weniger bis gar nichts verdienen – und oft tatsächlich mit Schlägen zum Anschaffen gezwungen werden. Davon kann bei Schwesta Ewa keine Rede sein.

Zweifelsfrei schuldig ist die Angeklagte der Körperverletzung – das räumt sie selbst ein. Schuldig ist sie auch der Steuerhinterziehung – auch wenn der Betrag von etwa 50 000 Euro mittlerweile längst bezahlt worden ist. Dass Steuerhinterziehung in Frankfurt nicht immer mit gesellschaftlicher Ächtung verbunden ist, beweist unter anderem der Fall Bruno H. Schubert: Der 2010 gestorbene Brauereierbe und Ehrenbürger, der seine Steuerallergie in selten gesehener öffentlicher Form auslebte, war Zeit seines Lebens umschwärmter Fixpunkt der Stadtgesellschaft. Prominente Vertreter aus Politik, Justiz und Medien nassauerten sich bei ihm nach Herzenslust durch, und tatsächlich wartete man brav, bis der alte Mann mit dem Faible für junge Damen unter der Erde lag – bevor man seiner blutjungen Gespielin wegen Steuerhinterziehung den Prozess machte.

Irgendwie scheint man der Schwesta nicht ganz so gnädig gestimmt. Die Staatsanwaltschaft etwa tut sich bislang schwer, sich vom Vorwurf der ausbeuterischen Zuhälterei zu trennen, obwohl nichts in den Zeugenaussagen diesen Anklagepunkt bestätigen konnte, und sie wird es voraussichtlich auch in den für heute geplanten Plädoyers nicht tun. Dass Schwesta Ewa verurteilt wird, daran besteht kaum ein Zweifel, zumindest bei den Anklagepunkten Körperverletzung und Steuerhinterziehung. Aber die zu erwartende Strafe dürfte nach Ansicht der meisten Prozessbeobachter mit der gut achtmonatigen U-Haft problemlos abgesessen sein, so dass die Angeklagte aller Voraussicht nach das Landgericht als freie Frau verlassen kann.

Und was kommt danach? Es gibt Prominente, deren Status nach einer Gerichtsverhandlung perdu war. Der Nachmittags-Talkmaster Andreas Türck etwa war 2005 vom Landgericht vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden – vom Bildschirm blieb er dennoch verbannt. Diese Probleme dürfte Schwesta Ewa kaum haben – im Gangsta-Rap-Milieu kann sogar eine längere Freiheitsstrafe letztendlich karrierefördernd sein. Ihr neues Album, sagt die Angeklagte, stehe kurz vor der Veröffentlichung, zudem habe sie im Knast angefangen, ihre Memoiren zu schreiben. An ihrem aufbrausenden Temperament, so hat sie im Prozess versichert, wolle sie mit professioneller Hilfe arbeiten.

Und eines hat die Verhandlung mit Sicherheit bewiesen: Ewa Malanda ist nicht dumm. Sie besitzt zudem ein gewisses unternehmerisches Geschick. Wäre sie in anderen Verhältnissen groß geworden, hätte sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in einer anderen Branche reüssieren können. Und so, wie sie im Laufe des Prozesses aufgetreten ist, steht zu vermuten, dass sie letztlich aus der ganzen Affäre noch Kapital schlagen könnte. Vor dem Prozess war sie lediglich im Rap- und Rotlicht-Milieu eine gewisse Größe. Mittlerweile kennt fast jeder ihren Namen. Und Ewa Malanda scheint nicht der Typ zu sein, der solch eine Gelegenheit ungenutzt lässt.

Wäre das Milieu nicht mit einem so üblen Ruf behaftet, würde man Ewa Malanda wohl eine geborene Geschäftsfrau nennen. Eine, die aus extrem schlechten Startbedingungen das Maximum herausgeholt hat. Man muss vor solchen Menschen natürlich keinen Respekt haben. Aber man kann es durchaus.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schwesta Ewa

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