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Fall Johanna Ex-Freundin des Angeklagten sagt aus

Vor dem Gießener Landgericht sagt die frühere Partnerin des mutmaßlichen Täters aus und berichtet Details zur Persönlichkeit des Angeklagten.

Mordprozess Johanna
Der Angeklagte im Mordprozess Johanna. Foto: dpa

„Es war meine erste große Liebe, heute kann ich es nicht mehr nachvollziehen.“ Die Worte kommen Ute S. nicht leicht über die Lippen. Die 36-Jährige sitzt an diesem Mittwochmorgen als Zeugin im Saal 207 des Landgerichts Gießen. Seit dem 20. April wird hier Rick J., dem Mann, mit dem sie vor 20 Jahren eine etwa sechsjährige Beziehung einging, der Prozess gemacht. Er soll 1999 die kleine Johanna aus Ranstadt im Wetteraukreis ermordet haben.

Die Frau mit den rot gefärbten kurzen Haaren ist aus Ibiza angereist, wo sie seit fünf Jahren lebt. Sie schildert, wie sie im Alter von zwölf Jahren für eine paar Monate die Nachhilfeschülerin von J. war, als dieser noch bei seiner Adoptivmutter in Karben-Petterweil lebte. Nachdem er sie ungefragt habe küssen wollen, sei sie aber nicht mehr hingegangen. Vier Jahre habe es keinen Kontakt gegeben. 

Angeklagter soll regelmäßig gewalttätig geworden sein 

Dann tauchte S., die seinerzeit eine persönliche „Krise“ gehabt habe, wieder bei Rick J. auf. Was folgte, war eine Zeit, die die gelernte Industriekauffrau lieber vergessen möchte: J. sei ihr gegenüber regelmäßig gewalttätig geworden. Sie habe angefangen, harte Drogen zu nehmen. Ihr soziales Umfeld sei weggebrochen. Zärtlichkeiten habe es nicht gegeben. Ihm zuliebe habe sie sich auf seine Fesselvorlieben und harten Sexpraktiken eingelassen. Warum sie das jahrelang mitmachte, kann sich S. heute nicht mehr erklären.

Der Angeklagte J., der die achtjährige Johanna Bohnacker am 2. September 1999 in seinen VW Jetta gezerrt, mit Klebeband gefesselt, missbraucht und anschließend getötet haben soll, verfolgt die Schilderungen seiner einstigen Partnerin mit gesenktem und starrem Blick. Nur einige wenige Male blickt er in Richtung der Zeugin oder schüttelt den Kopf.

Johanna ist wohl erstickt 

Die Anklage lautet auf Mord, schwere sexuelle Nötigung und auf den Besitz kinderpornografischer Schriften. Der 42-Jährige stellt den Tod des Mädchens als Unfall dar. Johanna sei im Kofferraum gestorben. Ihre Leiche wurde im April 2000 bei Alsfeld gefunden. Es komme eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in Betracht, sagt Staatsanwalt Thomas Hauburger. „Sollte das Gericht auf Körperverletzung mit Todesfolge erkennen, wäre das Strafmaß von drei bis 15 Jahren.“

Die Staatsanwaltschaft geht aufgrund ihrer Ermittlungen davon aus, dass das Kind erstickte. Rechtsmediziner konnten die genaue Todesursache nicht mehr exakt feststellen. Klar ist aber laut einem Gutachter, dass das Kind nicht im Kofferraum des Autos des Täters erstickt sein kann. Das Gericht muss in dem Prozess klären, ob ein Schlag auf die Nase zum Erstickungstod des Kindes führte. Der Angeklagte will dem Mädchen einen Nasenstüber verpasst haben. Ein medizinischer Sachverständiger hält das für unwahrscheinlich. Den Mund des Kindes hatte er dick mit Klebeband umwickelt. 

Tötung mit Vorsatz? 

Wie genau J. Johanna vor bald 19 Jahren getötet hat, vermag, wenn überhaupt, nur er selbst genau zu sagen. Womöglich kann sich J. an viel mehr erinnern, als er vor Gericht zugibt. Seine ehemalige Freundin Ute S. sagte gestern, er habe ein „fotografisches Gedächtnis“. Dass J. äußerte, das von ihm zur Fesselung Johannas verwendete Klebeband an einer Tankstelle in Nidda gekauft zu haben, die das Band aber gar nicht vertrieb, passt da nicht ins Bild. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, J. habe das Klebeband, das Fesselseil und das Chloroform, mit dem er Johanna betäubte, schon im Auto gehabt. Er habe sie mit Vorsatz getötet.

 Die Zeugin Ute S. konnte dank ihrer früheren Tagebuchaufzeichnungen noch einiges sagen zu jenem Septembertag 1999. J. habe sie abends angerufen. Anschließend habe sie sich von ihrem Bruder zu ihm fahren lassen. „Ich habe ihn noch nie so fertig gesehen wie an diesem Tag. Jetzt weiß ich, warum.“

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