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Derby Eintracht Frankfurt - Darmstadt 98 Prozessauftakt nach Hooligan-Straßenschlacht

Die Bockenheimer Derby-Randale zwischen Fans von Eintracht Frankfurt und dem SV Darmstadt 98 hat Prozesspremiere.

Symbolfoto Gericht
Justitia. Foto: Imago

Dennis J., 24 Jahre alt und von Beruf Service-Techniker für Rauch- und Brandschutz, steht wegen besonders schweren Landfriedensbruchs und versuchter gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht. Er soll sich als Teil einer etwa 60 Mann starken Truppe von Anhängern des SV Darmstadt 98 vor dem Bundesliga-Derby gegen die Eintracht am 5. Februar 2017 in Bockenheim eine Straßenschlacht mit einer doppelt so großen Gruppe Eintrachtfans geliefert haben. Vor dem Lokal „Lilium“ prügelten die entfesselten Horden aufeinander ein. Bilanz: vier amtliche Verletzte, 50 Festnahmen, 2:0 für die Eintracht.

Die Anklage wirft Dennis J. vor, den Darmstadt-Mob durch „Klatschen, Rufen und Winken“ angefeuert zu haben. Zudem soll er zwei Restaurantstühle in Richtung Frankfurt-Mob geworfen haben. Einer landete auf der Straße und ging entzwei, der andere auf der Motorhaube des Autos der Familie K., wo er eine 1800-Euro-Beule hinterließ.

Dennis J. mag nicht die hellste Lilie auf dem Felde sein, aber er gibt über seinen Verteidiger alles zu. Seit sein Mandant das Beweisvideo gesehen habe, sei er in sich gegangen und habe sich aus der aktiven Szene verabschiedet. „Er hat sich das erste Mal von außen gesehen!“, erklärt der Anwalt den Auslöser des Damaskuserlebnisses des Darmstädters. Dennis J. bestätigt, dass von ihm kein ernsthaftes Fantum mehr ausgehe: „Beim letzten Saisonspiel war ich mit meiner Freundin im Stadion.“

„Eine Atmosphäre von Hass und Gewalt“

Fußballfan ist J. nach eigenen Angaben „mein Leben lang“, kann diese Behauptung aber nicht durch einschlägige Vorstrafen beweisen. Das Amtsgericht Darmstadt hatte J. im November 2015 wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen verurteilt. „Aber nicht wegen Fußball“, bedauert J. Sondern deswegen: Ein Mitfan hatte in einer Kneipe seine türkische Freundin verabschiedet. Auch J. verabschiedete die Frau mit gestrecktem Arm und einem donnernden „Sieg Heil!“. Danach begehrte er vom Freund der Frau zu wissen, ob dieser am Ende „ein Kanakenfreund“ sei. Dessen Antwort „Ja, einige meiner besten Freunde sind Kanaken“ bestrafte J. mit einem Nasenbeinbruch, das Amtsgericht bestrafte J. mit 90 Tagessätzen à 30 Euro. Für die „Sieg-Heil“-Brüllerei. Das Nasenbein blieb ungerächt.

Durch J.s Geständnis bleiben der Familie K. Zeugenaussagen erspart. Diese war am Tattag nicht nur schuldlos zwischen die Fronten geraten, sondern zudem als Paradebeispiel bürgerlicher Erhabenheit unterwegs: Nachdem man mit dem vierjährigen Sohn das Senckenberg-Museum besucht hatte, wollte man für die Großeltern Kuchen zum Kaffee in der nächsten Bäckerei besorgen. Google empfahl die Leipziger Straße. Hier irrte Google! Statt Kuchen gab es Beule und laut K.s verlesener Aussage „eine Atmosphäre von Hass und Gewalt, wie ich sie noch nie erlebt habe“ – und das, obwohl Herr K. selbst zahllose Heimspiele der Eintracht besucht haben will. Seinen Sohn, seine Frau und ihn habe die nackte Panik ergriffen.

Die Staatsanwältin verzichtet schweren Herzens auf eine Ladung K.s. Aber der habe bereits allzu oft aussagen müssen, „einige Verfahren“ seien derzeit in dieser Sache anhängig, genaue Zahlen kennt sie nicht, aber es seien mehrere Dutzend. Ein paar Fälle seien bereits per Strafbefehl abgewickelt, aber J.s Hauptverhandlung die erste ihrer Art. Weitere werden folgen.

Das Amtsgericht verurteilt J. zu einer Bewährungsstrafe von elf Monaten und einem Anti-Aggressions-Training. Ob er noch ein letztes Wort zu sagen habe, will der Richter zuvor wissen. „Nee, ich nicht…“ antwortet J., setzt dann aber doch noch einen drauf. Es tue ihm ja jetzt schon ziemlich leid, aber notfalls sei er gar bereit, „mich beim Schuldigen zu ent…äääh…“ Es fehlen die Worte. „Mich beim Geschädigten zu entschuldigen“, gibt der Richter dem letzten Wort die Würde zurück. „Genau!“, juchzt J.

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