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Aus dem Gericht Orgie des Eigenbedarfs

Vier Hanfplantagenbauern stehen ganz schön lange vor dem Landgericht.

Hanf
Eine Hanfpflanze (Symbolfoto). Foto: Andreas Arnold

Mohamed O. (28), Terry S. (28), Weiss S. (25) und Ales B. (24) sind gewiss keine langhaarigen Kiffer. Sie sind extrem kurzhaarige Kiffer. Die fehlende Haarpracht aber machen sie nach eigenen Angaben mit einem exorbitanten Konsum mehr als wett.

Vor dem Landgericht muss sich das Quartett seit Dienstag wegen bandenmäßigen Drogenhandels verantworten. Bei einer Durchsuchung zweier Wohnungen in Eschersheim und Goldstein hatte die Polizei im Juni 2016 folgendes gefunden: In der einen 52 Marihuanapflanzen und ein Pfund abgepacktes Gras, in der anderen 75 Pflanzen, knapp 1200 Gramm Gras sowie 122 Gramm Kokain. Auch in der von Weiss S. behausten Bude fanden die Ermittler diverse Drogen sowie mehr als 10 000 Euro in bar. Die Anklage nennt das Drogenhandel. Die Angeklagten nennen das Eigenbedarf.

Ja, er habe die beiden Plantagen zumindest mitbetrieben, lässt Terry S. zu Beginn der Verhandlung durch seinen Verteidiger mitteilen. Aber nur um der lieben Gesundheit willen. Sein Mandant sei zu 70 Prozent erwerbsgemindert, sagt sein Anwalt – die Psyche! Selbst starke Psychopharmaka hätten ihm nicht helfen können. Das Gras aber schon. Selbst gelegentliche kleine Ernteverkäufe hätten lediglich der „Eigenkonsumfinanzierung“ gedient. Bis zu 25 Gramm Gras habe er täglich weggeraucht. Mit Hilfe des sedierenden Krauts sei es ihm gelungen, seine latente „Grundaggressivität“ auf ein sozialverträgliches Niveau runterzuschrauben. Da kann schon was dran sein: Bei einem Eigenbedarf von 25 Gramm pro Tag bleibt tatsächlich vor lauter Drehen kaum noch Zeit, andere zu verhauen.

Er kiffe seit seinem 16. Lebensjahr, sagt Weiss S. Von den Plantagen seiner Kumpels habe er gewusst, aber nichts damit zu schaffen gehabt. Bis auf ab und an mal eine Blüte zu naschen oder sich von den Praktikern wichtige Tipps und Kniffe für die eigene kleine Eigenbedarfsplantage daheim abzuholen. Das erkläre auch die von ihm gefundenen Fingerabdrücke an beiden Tatorten.

„Bloß mal zum Gießen vorbeigekommen“

Für seine Fingerabdrücke hat auch Ales B. eine gute Erklärung. Mit den Plantagen habe er eigentlich nichts zu tun. Er sei bloß „gelegentlich mal zum Gießen vorbeigekommen“ und habe dann „die Pflanzen so gegossen, wie man mir das Gießen erklärt hat“, was vermutlich nicht sehr lange gedauert hat, denn das Gießen von Hanf unterscheidet sich nicht wesentlich vom Gießen von Geranien.

Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass auch Mohamed O. lediglich hin und wieder eine kleine Portion Eigenbedarf von der Plantage seiner Kumpels geerntet hat. Dass er einmal 100 Gramm Gras für 900 Euro verkauft hat, räumt er ein, aber das habe nichts mit den Plantagen zu tun gehabt. Er habe das Gras anderswo günstig erworben und mit einem kleinen Abzwack weiterverkauft. Letztendlich, um seinen Eigenkonsum zu finanzieren.

Weiter wollen sich die Angeklagten nicht zur Sache äußern, Antworten auf eventuelle Fragen lehnen sie kategorisch ab. Der Verteidiger von Weiss S. annonciert allerdings noch, dass die bei seinem Mandanten gefundenen 10 000 Euro nichts mit Drogengeschäften zu tun hätten, sondern dass es dafür eine ganz natürliche Erklärung gebe, die er allerdings nicht jetzt, sondern sonstwann vorzutragen gedenke.

Er muss sich nicht hetzen, denn die 27. Große Strafkammer tut das auch nicht und hat erstaunliche 20 Verhandlungstage Eigenbedarf angemeldet – bislang ist der Prozess bis Mitte Juni kommenden Jahres terminiert.

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