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Amtsgericht Mainz Der König der Schwarzfahrer soll zahlen

Manfred Bartl kauft seit Jahren keine Fahrkarten und glaubt, schlauer zu sein als die Kontrolleure. Doch nun hat ihn das Amtsgericht zu 600 Euro Strafe verurteilt.

Hinweis in öffentlichen Verkehrsmitteln
Ohne Ticket gilt man als Schwarzfahrer - da helfen auch keine juristischen Spitzfindigkeiten. Foto: imago

Manfred Bartl ist der vielleicht bekannteste Schwarzfahrer der Republik. Wenn der 47-jährige Mainzer in Busse oder Bahnen steigt, heftet er sich ein Schild an. Er fahre schon seit dem Jahr 2009 schwarz, steht darauf. Jeder kann das lesen, auch die Fahrscheinkontrolleure. Nach Ansicht des arbeitslosen Chemikers dürfte er deshalb nicht wegen der Erschleichung von Beförderungsleistungen belangt werden – denn er erschleiche sich nichts, weil er gar nicht den Anschein erwecke, dass er zahle. Vor Gericht ist er mit dieser Argumentation am Donnerstag gescheitert.

Das Mainzer Amtsgericht verurteilte den linken Aktivisten und Gewerkschafter wegen drei Busfahrten ohne Fahrschein zu 40 Tagessätzen à 15 Euro, also zu insgesamt 600 Euro Strafe. Der ursprüngliche Strafbefehl, gegen den Bartl vorgegangen war, hatte auf 900 Euro gelautet. Der Aktivist kündigte an, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Vor fünf Jahren war er beim Landgericht Wiesbaden zu 14 Tagessätzen à sieben Euro für Schwarzfahrten verurteilt worden.

Hartz IV reicht nicht fürs Monatsticket

Bartl argumentiert, der Preis des Mainzer „Sozialtickets“ für den Nahverkehr sei mit 58,70 Euro im Monat skandalös hoch. In seinem Hartz-IV-Satz sei nicht einmal die Hälfte dieses Betrags für Beförderungskosten vorgesehen. Er werde daher unzulässig in seiner Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben beschränkt und müsse sich dieses Grundrecht durch Schwarzfahren nehmen.

Es sei absurd, dass in manchen Gefängnissen bis zu einem Drittel der Häftlinge wegen Schwarzfahrens einsäßen, fügte Bartls Rechtsvertreter, der Aktivist Jörg Bergstedt, hinzu. Meistens seien das Menschen, die den Betrag für den Strafbefehl nicht aufbringen könnten und deswegen inhaftiert würden.

In der Verhandlung machten auch Richter und Staatsanwalt deutlich, dass sie wegen der Vielzahl von Schwarzfahrerprozessen unzufrieden sind. „Wir machen das ja auch jeden Tag hier“, sagte der Anklagevertreter. Aber er fügte hinzu: „Solange die Gesetzeslage ist, wie sie ist, ist es eben so.“ Zeitweise trug der vierstündige Prozess wunderliche Züge. So hatte der Staatsanwalt argumentiert, Bartls Schild sei mit zehn mal zehn Zentimetern nicht auffällig genug, damit die Kontrolleure von seiner Reise ohne Ticket wüssten. Es handele sich daher doch um die Erschleichung einer Leistung. Entsprechend drehte sich die Vernehmung von drei Fahrkartenkontrolleuren um die Frage, wie sie von Bartls Schwarzfahrerei erfahren hätten. Einer sagte: „Er hat gleich mit dem Finger auf den gelben Zettel gezeigt. Ich habe gesagt: Tut mir leid, ich habe keine Ausnahmeregel.“ Ein anderer berichtete: „Ich habe ihn auch schon im Fernsehen gesehen. Er hat mir auch schon mal einen Flyer in die Hand gedrückt.“

Dennoch hielt der Staatsanwalt an seiner Forderung nach Strafe fest. Niemand lese so ein Schild automatisch. Was Bartl hätte tun müssen, um den Vorwurf der Erschleichung zu entkräften, könne er allerdings auch nicht sagen. „Muss er durch den Bus rennen und schreien: ‚Ich habe keine Fahrkarte, ich habe keine Fahrkarte!‘?“, sinnierte der Ankläger vor den gut zwei Dutzend Zuhörern und antwortete sich selbst: „Ich weiß es auch nicht.“

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