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9.Prozesstag im Fall Tu?çe „Schlimmster Fehler meines Lebens“

Im Prozess um den Tod von Tugce Albayrak fordert die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten für den Angeklagten Sanel M., die Verteidigung plädiert auf eine Jugendstrafe auf Bewährung. Sanel M. betont nach den Plädoyers seine Reue.

Trauer um Tugce Albayrak. Foto: dpa

Im Prozess um den Tod von Tugce Albayrak fordert die Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten für den Angeklagten Sanel M., die Verteidigung plädiert auf eine Jugendstrafe auf Bewährung. Sanel M. betont nach den Plädoyers seine Reue.

Es ist der allerletzte Austausch von Argumenten vor dem Urteil. Im Prozess um den Tod von Tu?çe Albayrak wurden am Freitag die Plädoyers gehalten. Vor der zehnten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt legten ein letztes Mal Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung ihre jeweilige Sichtweise auf die Geschehnisse vom 15. November 2014, die zum Tode Albayraks führten, dar. 

Angeklagt ist der 18-jährige Sanel M., dem vorgeworfen wird, die Lehramtsstudentin auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach ins Gesicht geschlagen zu haben. Beim anschließenden Sturz zog sich Albayrak so schwere Kopfverletzungen zu, dass sie ins Koma fiel und zwei Wochen später für hirntot erklärt wurde.  Doch zumindest im übertragenen Sinne gab es am Freitag einen weiteren Angeklagten: die Medien.

Massive Vorverurteilung durch die Medien

Oberstaatsanwalt Alexander Homm beklagte in seinem Plädoyer die massive öffentliche Vorverurteilung des Angeklagten. „Die Rollen in diesem Szenario waren sehr schnell verteilt“, so Homm. Die Berichterstattung habe teilweise „jegliche Grautöne“ vermissen lassen.  Aus  Sicht der Ermittlungsbehörde lasse sich das von Sanel M. in der Öffentlichkeit gezeichnete Bild eines blindwütigen und zielstrebig auf das Opfer fixierten Täters nicht aufrechterhalten.

Das Plädoyer war die erste größere Einlassung der Staatsanwaltschaft, die angesichts der peniblen Prozessführung durch den Vorsitzenden Richter Jens Aßling im bisherigen Prozessverlauf vergleichsweise passiv geblieben. Die Staatsanwaltschaft hält dem Angeklagten zugute, dass er sich geständig gezeigt habe. Sie geht auch davon aus, dass es im Vorfeld des Schlages auch zur Provokationen durch Tu?çe Albayrak gekommen sei.

Das allerdings mache die Tat nicht besser. Die schwere Tatfolge, der Tod Tu?çe Albayraks, sei ihm auch zuzurechnen. Es liege nicht außerhalb jedweder Lebenserfahrung, dass eine Ohrfeige zur Bewusstlosigkeit führen und ein Sturz auf Asphalt schwere Verletzung zur Folge haben können. Seine Vorstrafen und seine Biografie legten „schädliche Neigungen“ und „Erziehungsdefizite“ nahe, die nur in einem geschlossenen Rahmen aufgearbeitet werden könnten. Die Staatsanwaltschaft fordert daher eine Jugendstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

Nebenklage bewertet Schlag als „Bestrafungsaktion“

Aus Sicht der Nebenklagevertreter reicht dieses Strafmaß nicht aus. Der Anwalt der Familie Albayrak, Macit Karaahmeto?lu, sieht es als erwiesen an, dass Sanel M. Tu?çe zielgerichtet angriff, weil diese ihn durch ihr Eingreifen zugunsten zweier Minderjähriger, die sich durch Sanel M. und zwei seiner Freunde belästigt worden sein sollen, gekränkt habe. Der Schlag sei eine „Bestrafungsaktion“ gewesen.

Sanel M.s Freunde hätten zudem versucht, in ihren Aussagen die Schuld dem Opfer zuzuschieben. Auch die Entschuldigung bei der Familie Albayrak zu Beginn des Prozesses sei weniger von Reue als von prozesstaktischen Erwägungen geprägt gewesen. Das endgültige Strafmaß legte die Nebenklage in das Ermessen des Gerichts.

Sanel M. zeigt erneut Reue

Die Verteidigung wies solche Vorwürfe als „Fantasie“ der Nebenklage zurück. Aus Sicht von Pflichtverteidiger Stephan Kuhn standen sich unmittelbar vor der Tat „zwei zornige jungen Menschen“ gegenüber, die mit wechselseitigen Beleidigungen zur Eskalation beigetragen haben.

Hans Jürgen Borowsky, ein weiterer Verteidiger von Sanel M., forderte eine Jugendstrafe zur Bewährung.  Aus subjektiver Sicht habe Sanel M. nicht erkennen können, welche Folgen seine Ohrfeige haben könne. Er verwies auf die eigene Gewalterfahrung des Angeklagten und die Tatsache, dass das Ohrfeigen von Kindern lange Zeit als zulässige Erziehungsmethode galt. Auch in der Allgemeinheit werde nicht damit gerechnet, dass eine Ohrfeige so gravierende Konsequenzen haben könnte. Sanel M. könne daher nur wegen Körperverletzung verurteilt werden.

Als Letzter äußerte sich schließlich zum ersten Mal seit dem ersten Prozesstag auch der Angeklagte selbst: „Egal wie das hier ausgeht, ich muss damit leben, dass wegen mir ein Mensch tot ist. Der Schlag war der schlimmste Fehler meines Lebens.“

Das Urteil wird für kommenden Dienstag erwartet.

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