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Krebsfrüherkennung Hunde erschnüffeln Tumore

Der Dieburger Thomas Riemann-Seibert hat Europas größte Studie zur Krebserkennung durch Hunde angeregt. Ziel ist ein Gerät, das bösartige Geschwulste über die Atemluft entdeckt.

Krebsvorsorge
Tumormoleküle vorhanden oder nicht? Border-Collie-Hündin Lotta schnüffelt an einer Probe. Foto: Heidrun-Seibert-Stiftung

Seine Frau Heidrun erkrankte 2011 an einem seltenen Tumor. Zwei Jahre später starb sie im Klinikum Darmstadt. Für Thomas Riemann-Seibert war damals klar: Er wollte etwas gegen Krebs tun. „Während ihrer sechswöchigen Strahlentherapie sah ich, wie schlecht es den Menschen dabei geht“, erinnert sich der heute 61-Jährige Dieburger. Doch diesen Menschen direkt zu helfen, dafür fand der leitende Angestellte bei der Telekom zunächst keinen Weg. Dann stieß er im Internet auf eine Doktorarbeit am Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart zur Früherkennung von Krebs durch das Erschnüffeln von Hunden. „Doch die Studie wurde nicht weiterverfolgt“, sagt Riemann-Seibert. Es war die Geburtsstunde seiner Idee: eine zweite, größer angelegte Studie zu initiieren, „aus der man etwas machen könnte“. Denn dass Hunde Tumoren und andere Krankheiten erkennen können, ist seit langem bekannt. Doch bisher gibt es keine praktikable Anwendung dafür in der Krebsfrüherkennung.

Riemann-Seibert gründete zur Finanzierung die Heidrun-Seibert-Stiftung – benannt nach seiner verstorbenen Ehefrau. Er holte das Klinikum Darmstadt, das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg und den Stuttgarter Hundetrainer Uwe Friedrich ins Boot und regte die bislang größte Studie Europas zum Thema an. Fast 500 Teilnehmer aus Darmstadt und Umgebung gaben bislang Proben ab. Derzeit werden noch Proben von Lungenkrebspatienten gesucht, wie der Direktor der Medizinischen Klinik II am Klinikum Darmstadt und Medizinischer Leiter der Studie, Carl Schimanski, sagt. Die Sammlung soll Ende September abgeschlossen sein.

Dann beginnt die Studienphase: Die tiefgefrorenen Proben werden nach Stuttgart geschickt und den beiden Hunden Ännie und Lotta des Hundetrainers Friedrich vorgelegt. Der Chef der Hundeschule Teamcanin hat das Robert-Bosch-Krankenhaus bereits in einem ähnlichen Projekt unterstützt. Dabei werden jedem Tier jeweils sechs Atem- und Urinproben vorgehalten, von denen eine eine Tumorprobe ist. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Die von den Vierbeinern erkannten Tumorproben gehen nach Heidelberg, wo das Krebsforschungszentrum die positiven Proben massenspektroskopisch untersucht, um herauszufinden, welche Verbindungen im Urin und in der Atemluft den Hunden anzeigen könnten, dass ein Patient an Lungenkrebs leidet. Aus den isolierten Molekülen soll eine künstliche Tumorprobe hergestellt werden, die wiederum den Hunden vorgelegt wird.

Es sei bekannt, dass aus dem krankhaften Tumorstoffwechsel bestimmte Schwefel- und Azetatverbindungen entstünden, sagt Schimanski. „Wir bräuchten acht bis zehn Moleküle für ein gutes Chipverfahren.“ Und genau die sollen die Hunde aufspüren. „Wenn wir genügend Moleküle identifiziert haben, können wir ein Gerät zur Erkennung bauen“, hofft auch Riemann-Seibert. Ihm schwebt ein Apparat vor, ähnlich einem Alkoholtest, in den Patienten beim Hausarzt hineinpusten. Als möglichen Partner für dessen Entwicklung sieht er die Technische Universität Darmstadt.

Weltweit gibt es derzeit mehrere Gruppen, die an der Krebsfrüherkennung arbeiten. Im März stellte das Pariser Curie-Institut eine Studie vor, die bewies, dass Hunde Brustkrebs erkennen können. Ein Frühtest für Lungenkrebs auf der Basis der Erkennung von Erbgutmolekülen in der Atemluft wurde kürzlich von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim entwickelt. Das Verfahren ist noch nicht marktreif, erste Tests hatten gute Ergebnisse.

Riemann-Seiberts Projekt habe im Vergleich dazu jedoch einen „breiteren Ansatz“, sagt Studienleiter Schimanski. Man versuche, verschiedene Krebsarten zu erkennen. So sollen die Hunde nicht nur Lungenkrebs erkennen, auf den sie konditioniert wurden, sondern es wird auch getestet, ob sie Darmkrebs erkennen können. Zudem sei die Erbgutdiagnostik teurer und aufwendiger. „Wir wollen die neue Forschung direkt an den Patienten bringen. Eine neue, einfache Vorsorgetechnik, die alle Menschen akzeptieren, wäre ein Quantensprung für die Krebsfrüherkennung“, sagt der Mediziner.

Für diesen Quantensprung veranschlagt Stiftungsvorsitzender Riemann-Seibert insgesamt 1,5 Millionen Euro – inklusive der Fertigstellung des ersten Prototyps, die er für nächstes Jahr anpeilt. Die bisherigen, überschaubaren Kosten wurden über Spenden finanziert. Vor allem der Lions Club Groß-Umstadt (Kreis Darmstadt-Dieburg) unterstützte die Studie mit 40 000 Euro. „Das Projekt ist nur über Spenden zu finanzieren“, sagt Riemann-Seibert, denn seine Stiftung sei sehr klein. Dennoch plant der 61-Jährige schon weiter: Wenn dieses Projekt zu Ende ist, will er weitere in Angriff nehmen. Alles im Kampf gegen den Krebs.

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