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Krankheit Notarzt hilft per Liveschaltung

Hessen will mit Technik Notärzte und Rettungssanitäter entlasten. Der Main-Kinzig-Kreis startet im Sommer ein Pilotprojekt, bei dem Sanitäter aus der Ferne angeleitet werden.

Notfallsanitäter
Oft ist der Einsatz von Notfallsanitätern ausreichend. Relevante Patientendaten können an einen Arzt übermittelt werden. Foto: Jana Frömbgen

Künftig soll der Notarzt weniger auf Verdacht im Rettungswagen mitfahren. Stattdessen werden die Sanitäter via Kommunikationstechnik am Einsatzort beraten und angeleitet, wenn dies erforderlich ist. Noch im Sommer will der Main-Kinzig-Kreis hierzu das Pilotprojekt Telenotarzt starten, kündigte Landrat Erich Pipa (SPD) dieser Tage an. Seit drei Jahren wird es in Aachen angewandt, auch Berlin und Straubing stehen am Start.

Wie der Landrat ausführte, soll die Pilotphase im Main-Kinzig-Kreis zunächst ein Jahr dauern. Für die Ferndiagnosen sollen sieben Rettungswagen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) mit Datenübertragungs- und Videotechnik ausgestattet werden. Die Kosten von rund 1,1 Millionen Euro würden sich das Hessische Sozialministerium und die Krankenkassen als Kostenträger des Rettungsdienstes je zur Hälfte teilen. Der Einsatz ist auf das Versorgungsgebiet des DRK Gelnhausen / Schlüchtern begrenzt, dazu zählen die Kommunen Gelnhausen, Somborn, Bieber, Bad Orb und Burgjoß. Wegen des Klinikstandorts Gelnhausen und der dünn besiedelten Region mit langen Fahrtzeiten stuft Pipa das Pilotgebiet als repräsentativ ein. Juristisch soll das Rettungswagenteam beim Erledigen der Fernanweisungen auf der sicheren Seite stehen. Im Zweifelsfall gibt es die Option, einen fahrenden Notarzt hinzukommen zu lassen, heißt es.

Das technische Umfeld für den Telenotarzt ist von P3 telehealthcare, einem Tochterunternehmen der P3 Group in Aachen, entwickelt worden. Vor drei Jahren startete der Feldversuch in Kooperation mit der Berufsfeuerwehr der 250 000-Einwohner-Stadt Aachen. Mittlerweile gehöre der Telenotarzt zum Regelbetrieb, sagt Marie Mennig, Mitgeschäftsführerin von P3, auf Anfrage. „Seit April 2014 ist der Telenotarzt mehr als 7000 Mal angefragt worden“, berichtet sie. Damit seien die fahrenden Notärzte um gut 25 Prozent entlastet worden. Der Rettungsmediziner am Telefon und PC habe sich auch in den Fällen bewährt, in denen ein alarmierter Notarzt verspätet am Einsatzort eintraf. Laut Mennig soll während der einjährigen Testphase im Main-Kinzig-Kreis der zuschaltbare Notarzt in der Aachener Rettungsstelle sitzen. Sie erklärt dies mit der bereits vorhandenen Verfügbarkeit rund um die Uhr und der Erfahrung des Personals.

Foto von der Verletzung versendet

Marie Mennig nennt ein Beispiel für den Einsatz eines Telenotarztes: Eine Frau stürzt mit dem Fahrrad und zieht sich eine klaffende und schmerzende Wunde am Bein zu. Die eintreffenden Rettungsassistenten können keine klare Diagnose erstellen. Ein Helfer kontaktiert per Handy den Notarzt in der Leitstelle und sendet dorthin ein Foto von der Verletzung. Der gibt nun Anweisungen etwa zur Schmerzlinderung. Bei Bedarf kann er sich über eine hochauflösende Videokamera über den visuellen Zustand der Patientin informieren. Außerdem bekommt er auf einem Monitor die Vital-Funktionen der Patientin dargestellt, sobald ihr die Sensoren für Puls, Blutdruck, Sauerstoffgehalt im Blut und andere Parameter angelegt worden sind.

„Durch das Projekt wird sich an der Versorgungssicherheit nichts verändern“, versicherte Landrat Pipa. Überdies solle der Telenotarzt den „echten Notarzt bei erforderlicher Erstalarmierung nicht ersetzen“. Allerdings geht der Kreis von einer erheblichen Entlastung der fahrenden Notfallmediziner aus. Im Jahr 2016 sei in mehr als 2600 Fällen der Arzt nachgefordert worden, diese Zahl werde sich voraussichtlich um ein Drittel reduzieren, heißt es.

Sollte der Telenotarzt sich im Main-Kinzig-Kreis bewähren, werde dies keinen Stellenabbau im Rettungswesen zur Folge haben, versichert Landrat Pipa. Mit der Fernberatung bestehe jedoch die Hoffnung, den wachsenden Personalbedarf bei zunehmenden Fallzahlen zu dämpfen. Von 2007 bis heute sei die Zahl der Rettungsdiensteinsätze um 40 Prozent, die der Notärzte um 33 Prozent gestiegen. Im Main-Kinzig-Kreis stehen 114 Notfallmediziner für die Einsatzplanung bereit, vor zwei Jahren reichten noch 83.

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