Lade Inhalte...

Kommentar Islam-Unterricht Trennende Besitzstände

Der Islam-Unterricht ist ein Gewinn für alle, weil er Ängste abbaut und Toleranz für andere Religionen einübt. Doch die ehrenwerten Ansprüche werden durch die Interessenspolitik der unterschiedlichen muslimischen Gruppen gefährdet. Noch haben sie die Chance, es besser zu machen als die christlichen Kirchen, die auf getrenntem Religionsunterricht bestehen.

Es wird ein Gewinn sein für dieses Land, wenn muslimische Eltern ab 2013 tatsächlich ihre Kinder in einen Religionsunterricht schicken können, der in Schulen und nicht in Hinterhöfen stattfindet, in dem nicht Türkisch oder Urdu gesprochen wird, sondern Deutsch. Es ist ein Gewinn nicht nur für die Muslime, sondern für uns alle: Der Islam, vor dem sich viele vor allem deshalb fürchten, weil sie nichts von ihm wissen, wird so noch ein Stück alltäglicher, transparenter und berechenbarer. Das gemeinsame Curriculum, das Sunniten und Schiiten ebenso wie die Ahmadiyya akzeptiert haben, strotzt nur so von sympathischen Zielen: ein Gott der Barmherzigkeit und nicht einer des Schreckens soll den Kindern nahegebracht werden, Toleranz eingeübt und Neugierde auf andere Religionen geweckt werden.
Der Anspruch ist ehrenwert. Ob er auch umgesetzt wird, muss sich aber erst zeigen. Derzeit sind die beteiligten Verbände vor allem damit beschäftigt, ihre eigenen Interessen zu sichern. Am meisten Macht hat der Verband Ditib, weil er die meisten Lehrer auswählen wird: Wird er dafür sorgen, dass sie den Schülern nicht nur Sunnitisches servieren, sondern auch schiitische und Ahmadiyya-Sichten? So müsste es sein, denn auch Kinder dieser Gruppen werden in den Klassen sitzen, und immerhin ist Toleranz ja erklärtes Lernziel. Leider aber zeichnet sich anderes ab: Der Ditib-Unterricht dürfte einer für Sunniten werden – die anderen dürfen mitmachen, aber keine große Rücksicht erwarten.
Da ist es verständlich, dass etwa die Schiiten schon über einen eigenen Religionsunterricht nachdenken. Irgendwann werden also in Hessen womöglich drei und mit den Aleviten vier muslimische Gruppen ihr eigenes Süppchen kochen. Das wäre keine Katastrophe, denn die Muslime gingen damit den gleichen Weg wie die Kirchen, die sich ebenfalls hartnäckig an ihre konfessionellen Besitzstände klammern. Noch haben die Muslime die Chance, es von Anfang an besser zu machen – mit einem gemeinsamen Unterricht, über innermuslimische Bekenntnisgrenzen hinweg.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen