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Kinderbetreuung In der Kita lernen alle Deutsch

Erzieherinnen müssen bei immer mehr Kindern auf die Sprache achten. Doch das Image und die Bezahlung der Betreuerinnen hinken hinterher.

08.08.2010 20:52
Canan Topçu
Garderobe im Kindergarten. Foto: Michael Schick

Sprich Deutsch!“ Eine Aufforderung, die früher immer wieder mal aus Mechthild Schenks Mund zu hören war, wenn in ihrer Kita die Jungen und Mädchen in einer anderen Sprache miteinander redeten. Inzwischen schreitet die Leiterin des Kinderhauses Pusteblume in Butzbach nicht mehr ein. Sie hat in Fortbildungen erfahren und in der Praxis wahrgenommen, wie wichtig es ist, Kindern im Bezug auf ihre Muttersprache ein positives Gefühl zu geben. „Das Selbstwertgefühl der Kinder und auch der Eltern steigt, wenn sie spüren, dass ihre Herkunftssprache nicht abgelehnt wird“, meint Schenk.

Mit der Wertschätzung wiederum steige die Motivation, Deutsch zu lernen, sagt die Erzieherin, die seit über 40 Jahren in ihrem Beruf arbeitet. Außerdem schade es der Sprachentwicklung, wenn Eltern, die nicht richtig Deutsch können, mit ihren Kindern Deutsch sprechen. „Kinder, die in ihrer Muttersprache gut sind, lernen schneller Deutsch“, so Schenk.

Ein Problem bleibt allerdings, dass etliche Eltern, die selbst als Kinder von Einwanderern hier zur Welt kamen oder aufwuchsen, ihre Muttersprache auch nicht mehr so richtig beherrschen und häufig von einer in die andere Sprache springen. „Wir weisen Eltern darauf hin, dass sie beim Sprechen die Sprachen nicht mischen sollten“, berichtet Schenk, deren Einrichtung an dem Projekt FrühStartteilnimmt. Sensibilisiert durch die Fortbildungen ermutigt Schenk die Eltern, in ihrer Muttersprache zu sprechen und klar zu trennen, wann Deutsch gesprochen wird. Das Programm, das auch auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Bedeutung der Herkunftsprache aufbaut und unter der Regie der Hertie-Stiftung läuft, umfasst neben der Fortbildung der Fachkräfte auch die Ausbildung ehrenamtlicher Elternbegleiter und eine intensive Betreuung der Kitas. Derzeit wird FrühStart in Hessen an 36 Kitas in zehn Städten angeboten.

Auf die sprachlichen Defizite in den Migrantenfamilien konzentriert sich die öffentliche Diskussion, sie spiegelt aber keineswegs die Realität in den Kitas. Probleme mit der deutschen Sprache hat nämlich nicht nur der Nachwuchs der Einwandererfamilien, wie von Schenk und andere n Erzieherinnen zu hören ist. „Die Kinder insgesamt haben erhebliche Defizite“, sagt auch Ursula Pawlik, die in Frankfurt eine städtische Kita leitet. „Etliche Kinder aus deutschen Elternhäusern haben keine guten sprachlichen Vorbilder, viele bekommen zuhause keine Anleitung zum richtigen und guten Deutsch“, betont Pawlik.

Sprachförderung gibt es daher in ihrer Einrichtung für alle Kinder – differenziert nicht nach Herkunft, sondern nach Alter in vier Gruppen. Und: Sprachförderung findet auch außerhalb der Zeit statt, in der Sprachspiele im Mittelpunkt stehen. Die Erzieherinnen achteten darauf, deutlich zu sprechen, bewusst Gegenstände zu benennen und keine Umgangsprache zu benutzen. Das gehört in Frankfurt zum Konzept städtischer Kitas.

„Meine – deine – unsere Sprache“ heißt das Programm, das an Alltagssituationen anknüpft und zum Erlernen der korrekten Sprache beitragen soll, erklärt Doris Santifaller, pädagogische Leiterin der Eigenbetriebe städtische Kitas. Je nach Anteil der Kinder nicht-deutscher Herkunftsprache beteiligten sich einzelner Einrichtungen an Praxis- und Forschungsprojekten wie etwa an FrühStart.

Verzerrt ist die Wahrnehmung auch in einem anderen Punkt: In Hessen besuchen weit mehr Jungen und Mädchen aus Einwandererfamilien eine Einrichtung, als zumeist angenommen wird. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gehen immerhin 86 Prozent der Migrantenkinder in den Kindergarten, bei Kindern mit deutscher Herkunftssprache beträgt der Anteil 91 Prozent. In anderen Bundesländern sind es weitaus weniger Migrantenkinder – in Schleswig-Holstein etwa besucht nur 60 Prozent des Einwanderernachwuchses eine Kita.

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