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Kerb in Birstein Rassistische Attacke auf Fußballer

Nachdem Sportler aus Mühlheim auf der Kerb in Birstein offenbar angegriffen wurden, ermittelt der Staatsschutz. Die Birsteiner verurteilen den Vorfall und wollen helfen.

Kerb
Auf Kerben geht es fröhlich zu. In Birstein soll es aber rassistische Attacken gegeben haben (Symbolfoto). Foto: imago stock&people

Dorfbewohner schreien rechte Parolen wie „Ausländer raus“, gehen junge Amateurfußballer aus Mühlheim-Dietesheim ausländerfeindlich an und treiben sie vor sich her, bis sie das Hotel erreichen – das ist in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli auf einem Dorffest in Birstein-Fischborn im Main-Kinzig-Kreis passiert.

Nach längerem Zögern hatte Kewin Siwek, Mittelfeldspieler der 1. Mannschaft bei der Sportvereinigung Dietesheim, nun den Mut, die Vorfälle öffentlich zu machen. Auf Facebook schildert er, wie er und seine Sportkameraden vom rechten Mob bedroht und attackiert wurden. Auch ein Video hat er hochgeladen, auf dem zwar wegen der Dunkelheit kaum etwas zu erkennen ist, wohl aber die Worte zu hören sind.

Siwek schreibt von T-Shirts mit dem Aufdruck „Manche führen, manche folgen“, die von einigen Einheimischen getragen worden seien. Die Worte entstammen einem Lied der Gruppe Rammstein. Schon beim Betreten des Festzeltes sei einem Spieler mit „erkennbarem Migrationshintergrund“ absichtlich ein Getränk über die Schuhe gekippt worden.

Zu späterer Stunde sei es zu einer Rangelei zwischen einem Mannschaftskollegen und einem „grundlos eifersüchtigen“ Dorfbewohner gekommen, der sich zu einem Massenstreit ausweitete. „Wir wurden daraufhin wie Schafe von Wölfen ins Hotel getrieben und mussten uns jegliche Art von Beleidigungen und Androhungen anhören“, so Siwek. Bei den Aggressoren habe es sich nicht nur um junge Menschen mit zu viel Testosteron gehandelt, sondern auch um Erwachsene.

„Nie habe ich mich auch nur annähernd so erniedrigt gefühlt wie an diesem Tag“, schreibt Siwek in seinem Facebook-Post. Im Hotel habe er geweint, weil ihm noch nie so viel Hass begegnet sei.

Rechtsextreme im Ort

Die Fußballer seien von Freitag bis Sonntag im Trainingslager in Birstein gewesen, erklärt Trainer Giovanni Palermo gegenüber der FR. „Wie in den fünf Jahren zuvor.“ Früher habe es mehr Spieler mit erkennbarem Migrationshintergrund gegeben, erinnert er sich. „Aber da ist nie was passiert, obwohl wir auch die Kerb besucht haben.“ Er wehre sich dagegen, dass „das ganze Dorf unter Generalverdacht gestellt wird“. Es handle sich nur um einen kleinen Teil, möglicherweise auch einige aus Nachbarorten.

Palermo lag schon im Bett, als er gegen 3 Uhr nachts die Schreie vor dem Hotel hörte. Etwa zehn Fußballer hätten vor dem Hintereingang rund 30 bis 50 Personen gegenübergestanden, die ausländerfeindliche Parolen von sich gaben. Spieler, die bereits im Hotel waren, seien angerufen und um Hilfe gebeten worden. Er sei hinaus gelaufen und habe einen Spieler nach dem anderen ins Hotel gebracht. Man sei im Aufenthaltsraum noch zusammengesessen. Dabei fiel stets die Frage nach dem Warum. „Von unserer Seite gab es keine Aggression.“

Ein Polizeisprecher erklärt, dass Polizisten zu dem Fest gerufen wurden und Zeugen von ausländerfeindlichen Parolen berichteten. Jemand habe einem Spieler ins Gesicht geschlagen. Dieser habe auf eine Anzeige verzichtet, die Polizei ermittle aber von Amts wegen. Wegen des Verdachts der Volksverhetzung wurde der Staatsschutz eingeschaltet.

Der Veranstalterverein SV Hochland Fischborn und die Gemeinde verurteilen den Vorfall, erklären sich solidarisch mit den Betroffenen und bieten Hilfe bei den Ermittlungen an. „Wir distanzieren uns deutlich von denjenigen, die unsere Gäste beleidigt haben“, sagt Bürgermeister Wolfgang Gottlieb (parteilos). Birstein sei eine offene Gemeinde, die 130 Geflüchtete gut aufgenommen habe. Der Ort habe kein Problem mit Rechtsextremismus, eine Verbreitung der Ideologie sei ihm nicht bekannt. Auch der Vorsitzende des SV, Jörg Karnelka, berichtet von „gelebter Integration“ im Verein und verspricht, Konsequenzen zu ziehen, sollten die Angreifer Mitglieder sein. Kritik weist Karnelka zurück. Nach seinem Kenntnisstand solle es außerhalb des Festgeländes zu den Anfeindungen gekommen sein. Von Konflikten oder Provokationen im Zelt hätten Bedienungen nichts mitbekommen. Sie hätten aber nicht immer alles im Blick gehabt. Der Verein wollte gestern zusammenkommen, um weitere Informationen zu sammeln.

Aggressives Verhalten

Bewohner betonen, der Vorfall sei keinesfalls typisch für Birstein, aber es gebe hier und in Nachbarorten eine Reihe Rechtsextremer. Ein Bürger berichtet, sie seien bereits aggressiv gegenüber den von ihnen sogenannten „Gutmenschen“ aufgetreten, hätten rechtsextreme Sprüche von sich gegeben - was durchaus bekannt sei.

Die Fußballer aus Dietesheim und Fischborn wollen nun „gemeinsam ein Signal gegen Rassismus setzen“, sagt Karnelka, mit einem Freundschaftsspiel an diesem Sonntagmittag in Mühlheim.

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