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Kelkheim Eine Stadt, ein Buch

50 Kelkheimer schreiben über ihre Stadt ein Buch. Herausgeber ist Paul Pfeffer, früher Lehrer in Kronberg, heute Krimi-Autor.

Herausgeber Paul Pfeffer und Grafikdesignerin Christina Eretier sind stolz auf ihr Werk. Foto: Renate Hoyer

Paul Pfeffer kann sich noch gut an den Abend in der Bücherei Bockenheim erinnern. Zwei Adorno-Anekdoten las der Kelkheimer damals vor. Als ehemaliger Student des großen Philosophen an der Universität Frankfurt hatte er die Texte für den Band „Bockenheim schreibt ein Buch“ beigesteuert, den der Mainbooks-Verlag herausgegeben hatte. Das Interesse an dem von Verleger Gerd Fischer gestarteten Buchprojekt war damals riesengroß.

„Was die Bockenheimer können, das können die Kelkheimer auch“, dachte Pfeffer, der früher Lehrer in Kronberg war und heute Krimis schreibt und in der Band „Faltenrock“ Gitarre und Saxofon spielt. Zusammen mit der Grafikdesignerin Christina Eretier machte sich der 68-Jährige ans Werk. Ein Flyer wurde Anfang des Jahres gedruckt und in allen Stadtteilen verteilt. Tenor: Es werden Texte gesucht, die etwas mit Kelkheim zu tun haben. „Mehr Vorgaben haben wir nicht gemacht. Wir wollten die Leute selbst entscheiden lassen, was sie uns zur Verfügung stellen.“

Schon nach kurzer Zeit hatte Paul Pfeffer die ersten Manuskripte vorliegen. „Es gab ältere Menschen, die haben bei mir an der Haustür geklingelt und mir Hefte in die Hand gedrückt, in die sie handschriftlich ihre Erlebnisse aus der Nachkriegszeit eingetragen hatten. Andere haben ihre Geschichten mit der Post oder per Mail geschickt.“ Die Resonanz auf den Aufruf sei unerwartet groß gewesen, erzählt der Herausgeber von „Kelkheim schreibt ein Buch“. „Ich hätte vor allem nicht erwartet, dass Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens nach Kelkheim gezogen sind, mittlerweile eine so große Verbundenheit zu der Stadt entwickelt haben.“

Bis zum Redaktionsschluss Anfang August sind insgesamt 100 Manuskripte zusammengekommen. Paul Pfeffer hat sie alle gelesen, einige wenige aussortiert, die nichts mit Kelkheim zu tun hatten. Eine Jury wählte schließlich die Texte aus, die jetzt in der Kelkheim-Anthologie veröffentlicht wurden. Die allermeisten Einsender hätten bislang keine Erfahrung mit dem Schreiben gehabt, berichtet Paul Pfeffer. „Da habe ich ein bisschen beim Formulieren nachgeholfen.“ Der Originalstil der insgesamt 50 Autorinnen und Autoren sei aber immer erhalten geblieben, auch manch kantige Meinung. Das mache schließlich den besonderen Reiz des Bandes aus, findet Pfeffer.

Reizvoll sind auch die unterschiedlichen Stilformen der Beiträge – von der Anekdote über Porträts von Kelkheimer Originalen bis zu Alltagsgeschichten aus der Nachkriegszeit und Gedichten ist alles vertreten. Auf diese Weise zeichnen die Autorinnen und Autoren ein buntes und sehr lebendiges Bild der Taunusstadt Kelkheim, die heute 29 000 Einwohner hat, von denen viele täglich zur Arbeit nach Frankfurt pendeln, die vor wenigen Jahrzehnten aber noch eine ländlich geprägte Gemeinde war, in der viele Menschen mit der Schreinerei ihr Geld verdienten.

In „Kelkheim schreibt ein Buch“ wird von der letzten Hornauer Arbeitskuh Linda berichtet, von der Dampfmaschine auf Adams Kelter, und der frühere Schreinermeister Kurt Müller hat Geschichten aus den 30er, 40er und 50er Jahren beigesteuert, die er für seine Kinder und Enkel aufgeschrieben hat. Irma Berger, heute über 80 Jahre alt, erzählt, wie ihre Familie in den letzten Kriegstagen in Frankfurt ausbombt wurde und in Kelkheim einen Bauplatz ergatterte, um ein einfaches Behelfsheim aufzustellen. „Hans am Fenster“ heißt eine Geschichte, in der Joachim Menke über ein Kelkheimer Original erzählt. Jeder kannte den Mann, der am Bahnhof wohnte und aus einem Fenster alle Vorbeigehenden grüßte, egal ob er sie kannte oder nicht. Ausführlich erzählt wird auch die Geschichte der Pizzeria „Da Lino“ in der Frankfurter Straße, über viele Jahre eine Kelkheimer Institution. Tina Maggio, deren Mutter in dem Lokal arbeitete und die selbst als Kind viel Zeit dort verbrachte, hat sie aufgeschrieben.

Zu Wort kommen in dem Buch auch einige wenige Schreibprofis wie die Schriftstellerin Uta Franck, FR-Reporter Torsten Weigelt, der einen Text über den Besuch der Band „Die Ärzte“ in Kelkheim zur Verfügung gestellt hat, der Autor Thomas Berger oder die Journalistin Beate Rohkohl-Hildenbrand. Sie berichtet über einen jungen Flüchtling, der eine Zeit lang in Kelkheim untergebracht war und mit dem ablehnenden Asylbescheid in der Hand einer ungewissen Zukunft entgegensieht.

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