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Karben Wenn der Pfarrer nicht mehr kommt

Die Kirchengemeinde in Karben will den Gottesdienst künftig selbst halten. Der Landeskirche fehlt Personal, um die jetzigen Stellen weiterhin zu besetzen.

Pfarrer Michael Neugber hat schon manches erlebt: „Ich saß dabei und hörte staunend zu“, erzählt er vom runden Tisch seiner Kirchengemeinde. Im Stadtteil Petterweil will man künftig auch ohne einen Prediger der Landeskirche Hessen-Nassau (EKHN) Gottesdienste halten. Zurzeit verfügt die Gemeinde in dem 3300-Seelen-Ort über eine halbe Pfarrstelle. Das wird nicht so bleiben. Ab 2020 könnte mit einer neuen Personalbemessung auch diese wegfallen. Dann will die Gemeinde mit ihrem „Zukunftsprojekt“ für eine kontinuierliche Kirche am Sonntagvormittag sorgen.

„Die Kirche muss mindestens an einem Tag in der Woche geöffnet sein, sonst verliert sie ihr Gesicht“, sagt Gemeindevorsitzende Heike Weber. Hierzu wird die Anwesenheit eines Theologen nicht als erforderlich angesehen. Laut Weber müssen die Laien keine vollständige Liturgie halten, aber Wort- oder Musikandachten sieht sie im Rahmen des Möglichen, ebenso Diskussionsrunden zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

Ende September soll ein aus der Gemeinde gebildetes Projektteam über die Konkretisierung beraten. Pfarrer Neugber wird bei der Umsetzung helfen. „Wir werden die Gottesdienste ohne Pfarrer in kleinen Schritten ausprobieren, bis der Ernstfall eintritt“, sagt Weber. Der Anfang könne aus einem Gottesdienst pro Monat bestehen. „Nach fünf bis sechs Sonntagen werden wir die Gemeinde um Rückmeldung bitten, um das Konzept eventuell anzupassen“, heißt es.

Neugber steht dem Vorhaben seiner Gemeinde offen gegenüber. Ein Gottesdienst ist wichtig, daran erkennt man eine Christengemeinde, und er ist ein äußeres Zeichen des Zusammenhalts“, sagt er. „Wenn wir gar nichts mehr machen, dann sind wir auch nicht mehr da“, so Neugber. Wenn Laien vor dem Altar eine Andacht halten, sei dies durchaus ein Gottesdienst, der „sogar sehr belebend ausfallen“ könne.

Wenig Nachwuchs

An den hohen Festtagen reichen die gut 160 Plätze in der Petterweiler St.Martin-Kirche aus dem 17. Jahrhundert nicht aus. An üblichen Sonntagen sitzen dagegen nur rund 30 Personen auf den Bänken, sagt Neugber. Die Herbstsynode könnte einen neuen Personalschlüssel beschließen. Dann gäbe es ab 2020 für die sieben Karbener Stadtteile drei oder vier Stellen in einem Pfarrer-Pool, der vor allem die kirchlichen Grunddienstleistungen wie Trauung, Taufe, Beerdigung und Seelsorge sichern soll.

Von einem „interessanten Experiment“, spricht Volker Rahn, Pfarrer und Pressesprecher der EKHN. Ein Laiengottesdienst ohne qualifizierte Laien sei ihm noch nicht untergekommen. Der ehrenamtliche Verkündungsdienst ist hingegen bei der EKHN nicht neu, und er wächst sogar.. Derzeit seien knapp 1300 Prädikanten und 400 Lektoren tätig. Während Erstere in 100 Stunden in Liturgie vorbereitet werden, gestalten Lektoren nach Vorgabe einen Gottesdienst, wenn der zuständige Dekan es zulässt.

„Wir müssen nicht sparen“, sagt Rahn zur Stellensituation. Seine Kirche leide unter einem demografischen Problem. In geburtenstarken Jahren seien viele Theologen eingestellt worden, die bald nahezu gleichzeitig in Ruhestand gehen. Der Nachwuchs von den Universitäten komme nicht mehr so zahlreich wie früher. Das Studium schrecke viele Interessenten ab. Die EKHN setze sich daher für eine Vereinfachung des Studiengangs ein. Es müsse für den Pfarrerberuf genügen, alte Sprachen nur lesen zu können, so Rahn.

Die Dorfkirche schließen und in einem Stadtteil den Glauben praktizieren, steht für Petterweil nicht nur wegen der Gemeinde-Identität außer Frage. „Petterweiler fahren ungern in die anderen Stadtteile“, sagt Weber. Zum einen bildeten B3 und Bahnlinie eine gefühlte Barriere, zum anderen fühle man sich historisch näher zu Bad Vilbel und Bad Homburg.

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