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Kabarett mit Helmut Schleich Deftig

Helmut Schleich ist ein Urbayer - doch über seine Herkunft hinaus erschließt sich der Schongauer Satiriker eine Weltsicht, die der dortigen Regierungspartei CSU allzu oft verborgen bleibt.

Helmut Schleich mit seinem Programm EHRLICH
Helmut Schleich. Foto: Martina Bogdahn

Dialekt ja, und ein ausgeprägter Stiernacken. Sie verraten auf Anhieb die Provenienz des 50-Jährigen, der am Freitag im Aschaffenburger Hofgarten sein jüngstes Solo „Kauf, du Sau!“ präsentierte. Doch Schleich ist kein dahoamiger Trachtengrantler, sondern ein knallharter Analyst, der mit romantischen Vorstellungen aufräumt: Bayern ist keine Heimat. Bayern ist ein Wirtschaftsstandort, wo eine halbe Million Menschen in der Automobilindustrie (und 30000 Beschäftigte in 70 Rüstungsbetrieben) arbeiten.

Nicht verwunderlich also, dass im Freistaat kein führender Politiker auf die Idee käme, das Auto als Inbegriff der Freiheit zurückzudrängen. Im Gegenteil. Dass es für die Abgasbetrüger bei symbolischen Strafen wie dem jetzigen Milliarden-Bußgeld für VW bleibe, dafür sorgten schon Alexander Dobrindt, die „Beta-Version“ eines Verkehrsministers und sein „Update“ Andreas Scheuer (beide CSU).

Ein Kamel baut ein Nadelöhr

Helmut Schleich rechnet vor, dass in jüngster Vergangenheit rund 115 Milliarden an Subventionen für den Autoverkehr geflossen seien. Würde man dieses Geld für Busse, Bahnen und das Fahrrad ausgeben, um wie viel lebenswerter könnte es dann in deutschen Städten und Gemeinden zugehen. Falls es sinnvoll ausgegeben werde, und nicht für solche Projekte wie Stuttgart 21, „wo ein Kamel ein Nadelöhr baut“.

Doch ach: Anstatt eine veraltete Technik aufzugeben, würden mehrere Tonnen schwere Blechpanzer gebaut, um gerade mal 100 Kilo Mensch von einem Fleck zum anderen zu bewegen. Und anstelle eines reibungslosen, weniger umweltschädlichen Nahverkehrs träume die zuständige Staatssekretärin Bär, natürlich ebenfalls CSU, von Flugtaxis für Besserverdienende ...

Auch wendet sich Helmut Schleich den alten Religionen zu, „mit denen wir im Grunde abgeschlossen haben“. Der neue Gott sei das Internet: Es weiß alles, es sieht alles, es ist überall und es vergisst nichts. Das Sündenregister bleibt auf ewig in der Cloud (in Ablösung des heiligen Geistes). Vergebung gibt es nicht: „Das ist das protestantische Element daran.“ Am Ende dieser Entwicklung, so fürchtet Schleich, gibt es nur noch Probleme und Lösungen, aber keinen Raum mehr für Phantasie, Gefühle und Glück.

„Schnapspraline“ Juncker

Diese beiden Komplexe waren ganz starke Momente in diesem Programm. Doch Schleich wäre nicht Schleich, wenn er nicht auch vom Hölzchen aufs Stöckchen käme, von Trump zur EU, die von einer „Schnapspraline“ (Kommissionschef Claude Juncker) angeführt und deren Geldpolitik von Ex-Goldman-Sachs-Bänkern mitgesteuert wird. Er veralbert eine übertriebene Gender-Correctness ebenso wie den Schönheitswahn, wo doch ein Schleier oft eine preiswerte Alternative zur OP sei.

Und natürlich mimt er auch noch den Strauß, dem er so verdammt ähnlich sieht, wenn er den Kopf einzieht, eine Hornbrille aufsetzt, die Zunge über die Lippen spielen lässt und die Augenbrauen verschmitzt hochzieht. Da bräuchte er eigentlich gar nichts zu sagen, um sich die Lacher zu sichern.

Seehofer und der Geist von Kreuth

Doch er sagt was. Zitiert Horaz wie sein Vorbild, wenn er die CSU im Allgemeinen und seine Nachfolger im Besonderen zur Sau macht. Stoiber ist für ihn ein „Aktendeckel mit Hirschhornknöpfen“ und Söder habe nicht begriffen, dass das Amt des Ministerpräsidenten für ihn, Strauß, nicht die Spitze der Karriere, sondern der Abstieg ins Bedeutungslose gewesen sei. Das habe sogar Seehofer kapiert, als er sich nochmals in die Bundesregierung eingeklinkt habe. Mit dem jetzigen Versuch, mit den Angriffen auf die Kanzlerin den Geist von Kreuth aus der Flasche zu lassen, werde er aber ebenso scheitern wie Strauß vor Jahrzehnten.

Entschuldigung, das hört sich jetzt eher nach bierernstem Politikseminar, denn nach unterhaltender Satire an. Keine Sorge, Helmut Schleich vermag es trefflich, deprimierende Sachverhalte schreiend komisch zu kommentieren. Das Publikum hat wohl schon lange nicht mehr so schallend gelacht.

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