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Juden in Offenbach „Nur einige wenige kamen zurück“

Historikerin Gabriele Hauschke-Wicklaus spricht im FR-Interview über Offenbachs Juden vor und nach dem Krieg.

Gabriele Hauschke Wicklaus
Gabriele Hauschke-Wicklaus am Marktplatz, mit Blick Richtung Frankfurter Straße. Foto: Monika Müller

Gabriele Hauschke-Wicklaus (71) war von 1972 bis 2008 Lehrerin am Rudolf-Koch-Gymnasium, wo sie die Fächer Politik, Geschichte und Latein unterrichtete.  Die gebürtige Offenbacherin engagiert sich seit 2007 in der Geschichtswerkstatt und hat dort viel für die Stolperstein-Initiative recherchiert. Mindestens 285 Offenbacher Juden wurden 1942 und 1943 in die Konzentrationslager Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz deportiert. Schätzungen zufolge wurden mehr als 400 Offenbacher Juden umgebracht. Für 148 hat die Geschichtswerkstatt Stolpersteine verlegen lassen.

Sie haben sich intensiv mit der Geschichte der Offenbacher Juden auseinandergesetzt. Hat Sie etwas überrascht?
Mally Dienemann, die Frau des ehemaligen Offenbacher Rabbiners Max Dienemann zum Beispiel, zeigt sich in ihren Briefen enorm angetan von der wunderschönen Stadt Offenbach mit ihrem politischen und kulturellen Profil in der Weimarer Zeit.

Was hat Sie besonders bewegt?
In einem Brief von 1988 schreibt Charlotte Cohen, die in einem Kindertransport nach England entkam, dass sie von ihrem 14. Lebensjahr an ein Wrack gewesen sei. Das hat mich sehr berührt, weil man daran merkt, wie sehr sie noch als alte Frau unter den Erlebnissen der Pogromnacht von 1938 gelitten hat.

Wie muss man sich die jüdische Gemeinde Offenbachs vor 1933 vorstellen?
Es war eine sehr aktive und liberale Gemeinde mit mehr als 1400 Mitgliedern. Viele waren sehr gut in die Gesellschaft integriert. Unter den Offenbachern, die von den Nazis als Juden angesehen wurden, gab es viele bekannte Ärzte, Anwälte, Geschäftsleute und Unternehmer. So etwa den Schuhproduzenten Eugen Wallerstein, die Firma Fredenhagen von Josef Kupczyk oder die Familie der Lederwerke J. Mayer & Sohn. Sie schufen viele Arbeitsplätze. Es gab aber auch eine ganze Reihe von Handwerkern, die entweder als Angestellte oder selbstständig arbeiteten.

Und was passierte nach dem Krieg?
Von den Gemeindemitgliedern konnten rund 900 emigrieren, etwa 450 wurden deportiert und kamen im Konzentrationslager ums Leben. Nur einige wenige kamen zurück nach Offenbach. Zum Beispiel die Familie Strauss. Eine Enkelin dieser Familie wohnt heute in Obertshausen.

Wie viele kamen denn wieder?
Das herauszubekommen ist ein Problem. Das Einwohnermeldeamt gibt darüber keine Auskunft. Die Informationen, die ich habe, habe ich von anderen Personen, die den Nationalsozialismus überlebt haben.

Wie wurden denn zurückkehrende Juden hier empfangen?
Das war nicht so leicht. Juden war ja die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Um wieder aufgenommen zu werden, mussten sie nach dem Krieg nachweisen, dass sie Arbeit oder eine Rente haben. Zwei Personen, die vor dem Krieg eine Firma oder ein Haus hatten, sind zurückgekommen. Aber mit offenen Armen wurden sie nicht empfangen. Die meisten wollten auch gar nicht zurück, sondern blieben in den Ländern, in denen sie Zuflucht gefunden hatten. Viele hätten gerne einmal die anderen Emigranten in ihrer alten Heimat Offenbach getroffen. Aber die Stadt hat nur vereinzelt emigrierte Offenbacher Juden eingeladen. Einzelne hatten persönliche Begegnungen nach dem Krieg.

Zum Beispiel?
Sehr interessant ist der Fall von Micha Bachan. Er schrieb 1984 die „Offenbach Post“ an und bat um Unterstützung, um ehemalige Klassenkameraden zu treffen. Er war neugierig, wie sie ihn empfangen würden. Aus ihrem Verhalten gegenüber Juden während der Kriegsjahre hätten sich viele im Nachhinein noch herausgeredet, sagte er später. Ein anderer, Wilhelm Katz, schreibt hingegen, dass vielen Deutschen im Nachhinein zu danken wäre – für Tipps, wann es Hausdurchsuchungen gab oder dafür, Juden anderweitig unterstützt oder ihnen etwas zugesteckt zu haben. Dazu nennt er eine lange Liste mit Namen.

In Ihrem Buch gehen Sie anhand vieler Interviews, Originalbriefen und Dokumenten der Frage nach, welche Erinnerungen Juden, die den Holocaust überlebt haben, an ihre ehemalige Heimat haben. Woher kam das Material?
Der Historiker Klaus Werner hat in den 1980er Jahren für seine Forschung intensive Briefwechsel mit jüdischen Migranten geführt, die den Holocaust überlebt haben. Zwischen 1984 und 1990 hat er für seine Dissertation rund 200 Personen angeschrieben und sie nach ihren Erinnerungen an die Stadt Offenbach befragt. Außerdem hat er zahlreiche Interviews mit den vertriebenen Juden geführt. Die Originale waren bisher teilweise im Stadtarchiv und teilweise noch bei ihm privat. Ich wollte die individuellen Erzählungen erlebter Geschichte in Offenbach veröffentlichen. Grundlage für seine Arbeit war eine Adressenliste emigrierter Juden, die der Magistrat 1983 erstellen ließ. Die hat auch Sven Beckert genutzt und eine Reihe von Interviews mit Überlebenden geführt. Außerdem habe ich eigenes Material recherchiert.

Wie haben Sie das strukturiert?
Ich habe die Briefe und Interviews Familien zugeordnet. Dadurch ergeben sich manchmal auch unterschiedliche Perspektiven auf den gleichen Sachverhalt.

Wonach haben Sie ausgesucht, was Sie publizieren?
Von den 200 angeschriebenen hatten rund 70 Personen reagiert. Die anderen waren vielleicht schon tot, die Adresse war falsch oder sie hatten ihren Namen – durch Heirat oder um ihre deutsche Vergangenheit abzustreifen – geändert. Ich habe versucht, so viele Facetten wie möglich abzubilden. Deshalb habe ich auch Briefe aufgenommen, aus denen nicht viel hervorgeht, so etwa einen Brief von Else Schloss. Sie war 1985 schon 90 Jahre alt und wollte sich gar nicht erinnern. Da zeigt sich, wie tief betroffen und erniedrigt sie sich fühlt durch das, was hier in Offenbach geschehen ist. Grundsätzlich habe ich versucht, möglichst viel zu veröffentlichen.

Wann haben Sie selbst recherchiert?
Ich bin Informationen aus den Briefen nachgegangen, wenn von der Arisierung der Geschäfte oder deportierten Eltern oder Geschwistern die Rede war. Recherchiert habe ich auch in Fällen, in denen nicht viel über die Lebenssituation der Familie vorlag. Ich habe zum Beispiel nachgeschaut, wo die Leute gewohnt und gearbeitet haben und die Einträge um historische Bilder und eigene Fotos ergänzt, um den Menschen wieder ein Gesicht zu geben.

Zum Beispiel?
In einem Fall hat eine Dame vom Zwangsverkauf der Firma ihrer Eltern geschrieben. Ich habe dann im Gewerberegister gesucht und tatsächlich den Namen des Käufers gefunden. Das entsprechende Dokument ist im Buch abgebildet.

Wie lange haben Sie gebraucht, um das zusammenzutragen?
Fast drei Jahre und zwar sehr intensiv.

Was hat Sie bewogen, sich daranzumachen?
Ich recherchiere schon seit einigen Jahren für die Stolpersteine. Dadurch bin ich auf dieses persönliche Material gestoßen. Ich wollte nicht, dass es in der Versenkung verschwindet. Persönlich motiviert mich auch, dass ich mich in meiner Zeit als Geschichtslehrerin am Rudolf-Koch-Gymnasium nicht getraut habe, die Überlebenden Chaim Heinrich Tyson oder Max Willner, die die jüdische Gemeinde in Offenbach nach dem Krieg wieder neu gegründet haben, in den Unterricht einzuladen. Ich wusste, dass sie nicht gern in der Öffentlichkeit über die schwere Vergangenheit reden wollten. Auch deshalb war ich so froh, als ich Dokumente im Original gelesen habe.

Interview: Claudia Isabel Rittel

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