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Islamisten in Hessen Angst vor irrationalen Einzeltätern

Sabine Thurau, Präsidentin des Landeskriminalamtes, sieht das Rhein-Main-Gebiet als Hotspot für Islamisten. Sorgen bereiten ihr „irrationale Einzeltäter“ , die im Raum Frankfurt ideale Rahmenbedingungen fänden.

Salfisten in Hessen
Salafisten in Hessen: LKA-Chefin Sabine Thurau warnt vor "irrationalen Einzeltätern". Foto: Renate Hoyer

Das Rhein-Main-Gebiet bleibt laut Landeskriminalamt neben Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Berlin einer der bundesweiten Hotspots für islamistischen Extremismus. Globale Konflikte wirkten sich auf das Kriminalitätsgeschehen in der Region aus, sagte LKA-Präsidentin Sabine Thurau am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Frankfurt. Neben internationalen Netzwerken machten den Ermittlungsbehörden vor allem „irrationale Einzeltäter“ Sorge, die sich „aus der Mitte der Gesellschaft“ heraus radikalisierten und im Ballungsraum Frankfurt ideale Rahmenbedingungen fänden, um mobil, international vernetzt und anonym zu agieren.

Zudem befördere das Handeln gewaltbereiter Islamisten auch links- und rechtsextreme Taten: „Alle Aktionen der Islamisten haben Auswirkungen auf die restliche politisch motivierte Kriminalität“, sagte die LKA-Chefin. Ihre Behörde geht von etwa 1650 Islamisten in Hessen aus, von denen jedoch nicht alle gewaltbereit seien. Eine genaue Zahl potenzieller „Gefährder“ wollte Thurau nicht nennen. Oberstes Ziel der Ermittlungsbehörden sei es, Anschläge zu verhindern, indem man die oft auch in andere kriminelle Machenschaften verwickelten Risikopersonen frühzeitig identifiziere, beobachte und wenn möglich in Untersuchungshaft nehme oder abschiebe.

Thurau sprach in Frankfurt auf einer Veranstaltung des Mediendienstes Integration, der eine von Forschern der Goethe-Universität verfasste Expertise zur islamistischen Radikalisierung Jugendlicher vorstellte. Politikwissenschaftlerin Meltem Kulaçatan hat das Papier gemeinsam mit dem Professor für Islamische Religionspädagogik, Harry Harun Behr, und dem Direktor des Instituts für Kultur und Gesellschaft des Islam, Bekim Agai, ausgearbeitet. Sie verwies darauf, dass salafistische Gruppierungen gezielt das Rhein-Main-Gebiet für publikumswirksame Auftritte nutzten, wie etwa jene des Predigers Pierre Vogel oder Koran-Verteilaktionen auf der Zeil.
Der Islam im Rhein-Main-Gebiet sei aufgrund spezifischer Migrationsbewegungen mit einer Vielzahl an Gemeinden und anderen Institutionen sehr heterogen und pluralistisch aufgestellt, was an sich kein Nachteil sei, aber eben auch das extremistische Spektrum einschließe.

Kulaçatan betonte jedoch, dass Jugendliche meist nicht über die Religion, sondern über die Beziehungsebene in salafistische Kreise gelockt würden. Akteurinnen und Akteure aus salafistischen Netzwerken und Gruppen fänden eine „hoch-individualisierte Ansprache“, in der sie Bezug nähmen auf den Alltag der in ihrer Identität noch nicht gefestigten oder verunsicherten Jugendlichen. In langen Erstgesprächen ermutigten sie die jungen Menschen, offen über Sorgen in der Schule, in der Familie oder im Freundeskreis zu sprechen.

Zudem griffen sie auf Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen zurück. Dabei verstärkten die Salafisten jedoch das Gefühl, in einer Opferrolle zu sein, „statt Lösungsoptionen zu entwickeln“, analysierte Kulaçatan. Die Wissenschaftlerin appellierte an die Gesellschaft und an Bildungsinstitutionen, Jugendlichen das Gefühl zu geben, Teil der Gesellschaft zu sein und ihnen zu „ermöglichen, Fragen zu stellen und Antworten zu finden“, ehe die Salafisten diese Rolle übernähmen. Denn die Islamisten, ergänzte Cuma Ülger von der Beratungsstelle Hessen im Violence Prevention Network, „haben ein gutes Gefühl für die Bruchstellen der Gesellschaft“. Dass Terrorismus und Islam oft gleichgesetzt und junge Muslime so unter Rechtfertigungsdruck gesetzt würden, nutzten Islamisten aus, indem sie die Polarisierung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen weiter verstärkten. Dabei spiele ihnen in die Hände, dass anfällige Jugendliche meist „religiöse Analphabeten“ seien, die „nur marginale oder gar keine Kenntnisse“ von den Inhalten ihrer Religion hätten, so Ülger.

Der Projektkoordinator, der betroffene Jugendliche und deren Eltern berät und als Antigewalt-Trainer in hessischen Justizvollzugsanstalten arbeitet, sprach sich deshalb auch deutlich für islamischen Religionsunterricht und Gefängnisseelsorge aus als „Grundimmunisierung gegen Radikalisierung“.

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