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Islamischer Religionsunterricht in Hessen Uneins im Glauben

Im Sommer 2013 könnten Hessens Muslime ihren eigenen Religionsunterricht bekommen. Noch prüft die Landesregierung letzte Details, doch die unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Islam sind sich uneins.

Die Religion ist oft eine ernste Sache, auch in der Schule. Foto: ddp

Sie sind auf der Zielgeraden. Jahrelang haben Hessens Muslime für den islamischen Religionsunterricht gekämpft, im Sommer 2013 könnte es endlich so weit sein. Noch prüft die Landesregierung letzte Details, aber eines ist schon klar: Einen einheitlichen Islamunterricht werden die muslimischen Kinder in Hessen nicht bekommen. Die Zeichen stehen auf konfessioneller Trennung – wie auch Katholiken und Protestanten sie praktizieren. Und: Der große Verband Ditib hat als Anbieter des neuen Religionsfachs quasi eine Monopolstellung. Ditib ist eng an die türkische Religionsbehörde in Ankara angelehnt und vertritt sunnitische Muslime.

Eigentlich wollte die Landesregierung im November fertig sein mit der Prüfung der Ditib und des kleinen Ahmadiyya-Verbandes, der ebenfalls als Träger des Unterrichts auftreten will. Beide Gruppen waren in Gutachten bereits als verfassungsrechtlich tauglich erklärt worden. Dass das Land sich länger Zeit lässt, begründet Christian Henkes, Sprecher des Kultusministeriums, mit der großen Aufgabe: „Es gibt keine Vorbilder für das, was wir machen, und es soll ein paar Jahrzehnte halten.“ Entscheiden will man aber so zeitig, dass das nächste Schuljahr noch erreicht wird.

Wenn Schwarz-Gelb grünes Licht gibt, soll es in 25 Pilot-Grundschulen losgehen mit dem bekenntnisorientierten Islamunterricht, zunächst für erste Klassen. Genügend fertig ausgebildete Theologen für islamische Religion gibt es aber noch nicht – nicht mal die entsprechenden Lehrstühle für islamische Religionspädagogik an den Hochschulen in Gießen und Frankfurt sind schon endgültig besetzt. Doch weil die Eile alle Seiten eint, wird die Lücke erst mal behelfsmäßig gestopft.

Keine Ahmadiyya als Lehrer

Das Kultusministerium hat unter muslimischen Lehrern geworben, die schon im Schuldienst und verbeamtet sind, und laut Henkes „genügend Interessentinnen und Interessenten“ für das neue Fach gefunden. Sie müssen, wenn der Unterricht kommt, noch eine Art Crashkurs in islamischer Theologie durchlaufen, denn bisher unterrichten sie andere Fächer. Die Fortbildung soll laut Ministerium das Amt für Lehrerbildung, das im künftigen Landesschulamt aufgeht, zusammen mit der Universität Gießen machen.

Bei der Auswahl der Lehrer gibt es eine Arbeitsteilung zwischen Landesregierung und den Religionsgemeinschaften: „Das Land hat Mitsprache“, sagt Henkes und betont: „Nur verbeamtete Lehrer treten vor die Kinder, Unterrichtssprache ist Deutsch.“ Über die „religiöse Eignung“ der Lehrerkandidaten aber, und damit ihre Lehrbefugnis, entscheiden die Religionsgemeinschaften – also, wenn es so weit ist, die Ditib und die Ahmadiyya, zu der vor allem pakistanischstämmige Muslime gehören. Beide geben sich offen gegenüber den anderen Islam-Strömungen. Abdullah Uwe Wagishauser, der Ahmadiyya-Vorsitzende, sagt: „Wir bestehen nicht darauf, dass alle unsere Lehrer Ahmadiyya sind“.

Auch Ditib-Landesvorsitzender Fuat Kurt betont, man wolle „hier nicht nur Ditib hervorheben. Es geht um islamischen Religionsunterricht für alle.“ Wegen „grundlegender Differenzen in Glaubensfragen“ will sein Verband aber keine Ahmadiyya als Lehrer zulassen. Grund: Ahmadiyya glauben, dass es nach Mohammed noch weitere Propheten gab – für die anderen muslimischen Gruppen ist das untragbar.

Mehrheit der Schüler wird sunnitisch sein

Für die Ahmadiyya hat der Dissens schwere Folgen: Sie müssen eigene Klassen einrichten und dabei die Mindeststärke von acht Kindern erreichen – ob das an vielen Standorten gelingt, bezweifeln Experten. Wagishauser ist zuversichtlich, dass es immerhin in Städten wie Frankfurt und Offenbach klappt. Andernorts „werden wohl einige unserer Kinder auch am Unterricht der Ditib teilnehmen“. Hessenweit kommen laut Wagishauser „einige hundert“ Kinder aus Ahmadiyya-Familien für den künftigen Religionsunterricht infrage. Er geht von 15000 Ahmadiyya im Land aus, was etwas hochgegriffen sein dürfte.

Klar ist: Die ganz überwiegende Zahl der Schüler, die in islamischer Religion unterrichtet werden, wird sunnitisch sein. Das ergibt sich schon daraus, dass geschätzte zwei Drittel der rund 300000 bis 400000 Muslime in Hessen sunnitisch sind. Die Ditib hat nach eigenen Angaben regelmäßig 30000 Besucher in ihren 82 Moscheen – sie steht zwar unter der Erwartung, das neue Schulfach so zu gestalten, dass auch alle anderen Muslime sich darin wiederfinden. In den eigenen Reihen hat Fuat Kurt aber schon Interessentenlisten mit „mehr als 1000 Schülernamen“ zusammengetragen. Auch der türkisch-sunnitische Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) will Kinder schicken, und der ebenfalls sunnitische Zentralrat der Marokkaner. Intensive Werbung in den eigenen Gemeinden betreiben sie aber nicht. Die meisten Schüler dürften also aus dem Ditib-Umfeld kommen.

Ganz begrenzt ist der Teilnahme-Eifer der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH), eines großen Dachverbands schiitischer und sunnitischer Gruppen aus verschiedensten Herkunftsregionen. Ünal Kaymakci, Schiit und Vizevorsitzender, stellt in Aussicht, dass die IRH einen eigenen Antrag auf Erteilung des Unterrichts stellen wird – eventuell 2014: „Deshalb rufen wir unsere Mitglieder jetzt nicht auf, ihre Kinder in den Ditib-Unterricht zu schicken.“ Er hat nichts dagegen, dass jetzt auch Lehrer aus IRH-Vereinen eingestellt werden – „es sollte aber keine Konkurrenz sein zu dem, was wir vorhaben“.

Nach Schätzungen dürfte jeder zehnte hessische Muslim Schiit sein. Kaymakci hat die Sorge, „dass schiitische Inhalte im nun organisierten Unterricht nicht angemessen vorkommen“. Das aber sei nötig, „wenn es beim gemeinsamen Unterricht bleiben soll“.

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