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Interview zur Geothermie „Ergebnisoffener Prozess“

Die Stiftung Risiko-Dialog koordiniert die Bürgermitsprache zur Geothermie.

18.02.2013 20:38
Geschäftsführer Matthias Holenstein Foto: Boeckheler

Die Stiftung Risiko-Dialog koordiniert die Bürgermitsprache zur Geothermie.

Herr Holenstein, wie riskant ist Geothermie?

Wir verwenden das Wort Risiko in der Abwägung von Gefahren und Chancen. Es geht im Risiko-Dialog nicht darum, dass wir ein Gutachten schreiben, wie riskant Geothermie ist. Alle Beteiligten sollen die Möglichkeit haben, sich zu informieren, und auf dieser Grundlage zu einer Entscheidung zu kommen: Wie ist das Projekt? Wollen wir es, und wie könnte es ausgestaltet werden?

Ist die Technik weniger riskant, wenn man darüber redet?

Es ist entscheidend, wie man Risiken wahrnimmt und sie bewertet. Möglicherweise wollen wir als Gesellschaft bei einem Kraftwerk in Anbetracht der Chancen das Wagnis eingehen. Aber man kann selbstverständlich auch eine ganz andere Haltung haben. Erst die aktive Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken ermöglicht eine aktive Entscheidung. Was aus einer wissenschaftlichen Logik entsteht, ist nicht unbedingt das, was die Bürger unter Ängsten und Hoffnungen verstehen. Es ist gerade die Kunst, diese beiden Ebenen ins Gespräch zu bringen.

Auf was kommt es in der Risiko-Debatte an?

Ein Schlüsselbegriff ist sicherlich das Wort Vertrauen. Ohne Vertrauen werden wir keinen Dialog über Risiken führen können.

Mit Vertrauen in Technologien ist es seit Fukushima nicht weit her. Vertrauen die Menschen der Geothermie?

Angesichts der Hoffnung auf die Energiewende hat man bei vielen Erneuerbaren zunächst das Wort Risiko nicht in den Mund genommen. Doch jede Energieform birgt Risiken, und es gibt keinen Grund, warum wir diese Debatte bei den erneuerbaren im Gegensatz zu den klassischen nicht führen sollten. Allerdings gibt es verschiedene Typen von Risiken. Geht es um mein Haus, meine Kommune? Können Schäden ökonomisch wiedergutgemacht werden? Oder müssen wir Beeinträchtigung von Landstrichen über Jahrtausende in Betracht ziehen? Die unterschiedliche Wahrnehmung führt zu unterschiedlichen Bewertungen und großen Unterschieden in der öffentlichen Debatte.

Wie bauen Sie in Groß-Gerau Vertrauen auf?

Zeit ist für einen solchen Prozess zentral. Wir haben hier vor zwei Jahren begonnen, mit den Menschen zu sprechen. Wir wollten hören, was sie beschäftigt. Manche Reaktionen hatten wir erwartet, etwa dass die Menschen keine Putzrisse in ihren Häusern wollen. Es kam aber auch heraus, dass Lärm und Flächenverbrauch wichtige Themen in der Region sind. Wenn es gelingt, diese Themen im weiteren Prozess zu integrieren, bauen wir Vertrauen auf. Vertrauen hängt auch mit Versprechen zusammen. Wir wissen, dass die ÜWG gesagt hat, wir wollen das Geothermie-Projekt nicht gegen, sondern mit der Region machen.

Gibt es ein Grundmuster, wie der Umgang der Bevölkerung mit neuen Technologien aussieht?

Was wir in Groß-Gerau erleben, ist typisch. Menschen fassen Vertrauen, wenn sie mit Grundwerten des Unternehmens übereinstimmen. Hinzu kommt in der Geothermie-Debatte das Thema Erfahrung. Insheim bei Landau ist dafür ein gutes Beispiel. Hier hat man Erfahrungen gesammelt, was es heißt, spürbare Erschütterungen zu haben, die aber keine großen Schäden verursachen. Mit solchen Erfahrungen wird Vertrauen gestärkt. Es gibt in Groß-Gerau noch kein Kraftwerk, aber die Menschen machen hoffentlich die Erfahrung, dass frühzeitige Mitsprache möglich ist, dass ÜWG auf Fragen antwortet, dass ergebnisoffene Diskussionen stattfinden.

Wie motivieren Sie die Bürger?

Beim ersten Bürgerdialog im Januar waren trotz Schnee mehr als 300 Menschen in der Stadthalle. Wenn man einfach nur sagt: Es gibt einen Dialog, dann kommen zehn, 20 Menschen. Notwendig ist eine langfristige Informationspolitik. Wir haben letztlich intensiv Bekanntmachung in eigener Sache betrieben. Wir haben Inserate geschaltet. Wir haben über den Beziehungskreis, den wir aufgebaut haben, breit über den Bürgerdialog informiert. Der ganze Prozess wäre unglaubwürdig, wenn unsere Veranstaltungen nur 20 Menschen besucht hätten.

Welche Erfahrungen mit der direkten Demokratie bringen Sie aus der Schweiz nach Deutschland mit?

Was wir immer wieder erleben, ist, dass wir aus der direktdemokratischen Erfahrung der Schweiz ein größeres Vertrauen haben, sowohl im Dialog mit Bürgern als auch im Abstimmungsverhalten. Jedem Schweizer ist klar: Mal gewinne ich, mal verliere ich. Ich weiß, dass ich letztlich immer wieder zu Wort kommen kann, denn in meinem Leben werde ich 50 oder 100 Abstimmungen erleben. Wir können im Notfall immer eine Abstimmung machen. Es ist relativ leicht zu initiieren und durchzuführen. Wir haben Erfahrung damit – das hilft. In Deutschland sind Dialoge Annäherungen an die direkte Demokratie. Da müssen wir alle noch Erfahrun-gen sammeln und sehen, was passt, was funktioniert.

Ließe sich Ihr Dialog auf Großprojekte wie Flughafenausbau oder Stuttgart 21 übertragen?

Ich würde zwei Punkte unterscheiden: Die Grundidee, dass man ergebnisoffen mit den Bürgern frühzeitig über Projekte Dialoge führt – das ist übertragbar. Das andere sind die Formate: Hier im ländlichen Raum arbeiten wir mit Formaten, die direkt mit den Menschen zu tun haben. Wir sehen das auf unserer Website; unsere Prozess-Seite im Internet hat bisher weniger Besucher als persönlich im Saal anwesend waren. Die Verfahren müsste man für Großprojekte anpassen.

Ohne entsprechende Bürgerbeteiligung könnten sich künftig immer seltener Projekte politisch umsetzen lassen?

Ja, die Bürger müssen die Möglichkeit haben, das Projekt mitzugestalten. Gute Informationspolitik allein reicht nicht. Wenn es nur darum geht, ein fix und fertig geplantes Projekt eventuell noch unter Zeitdruck durchzubringen – das wird nicht erfolgversprechend sein. Es geht darum, das Projekt so zu gestalten, dass es für die Menschen passt und nicht darum, die Meinungen der Menschen so zu beeinflussen, damit sie zum Projekt passen.

Wann ist das Projekt erfolgreich?

Das Projekt ist für uns erfolgreich, wenn es gelingt, den Dialog so zu führen, dass daraus eine gesellschaftlich robuste Entscheidung abgeleitet werden kann. Das ist manchmal ein hartes Brot. Wenn eine aktive Auseinandersetzung zu Chancen, aber auch zu Gefahren der Geothermie stattfindet, dann ist es sicher ein Erfolg. Am Ende sollte Vertrauen da sein, dass wir zu einer fundierten Entscheidung gekommen sind – wie immer sie aussieht.

Die gute Entscheidung ist nicht zwangsläufig ein Ja zum Kraftwerk?

Nein. Der Prozess ist ergebnisoffen. Das können wir uns als neutrale Stiftung auch gar nicht anders erlauben.

Das Interview führte Volker Trunk.

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