Lade Inhalte...

Interview zu Migranten-Kursen „Zusatzmaßnahmen behindern die Integration“

Der Präsident der Landesärztekammer, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, plädiert im Interview mit der Frankfurter Rundschau für Strukturen, in denen sich alle Patienten wiederfinden: „Die Sprache ist der Schlüssel zum Verständnis“.

02.01.2011 16:41
Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach ist Präsident der Landesärztekammer.

Herr Dr. von Knoblauch, brauchen wir medizinische Sonderangebote für Migranten?

Integration heißt, dass diejenigen, die integriert werden wollen und sollen, in die vorhandenen Strukturen eingebunden werden müssen. Ich möchte, dass Menschen, die nach Deutschland kommen, sich hier zu Hause fühlen, besonders wenn sie in Not sind und ärztliche Hilfe brauchen. Wir können ihnen schlecht helfen, wenn sie in Parallelgesellschaften leben. Das geht nur, wenn man zusammenkommt, sich gegenseitig öffnet und versteht.

Doch es gibt Stimmen die behaupten, dass unser Gesundheitswesen gewisse Migranten nicht anspricht. Deshalb müsse es für sie so etwas wie muttersprachliche Ärzte oder Selbsthilfegruppen geben.

Ist das so? Ich bezweifele, dass durch Zusatzmaßnahmen die Integration besser wird. Meines Erachtens müssen die Möglichkeiten für alle in gleichem Maß nutzbar sein. Es gibt ja viele Ethnien, soziale Gruppen oder Weltanschauungen. Die Grundfrage ist: „Wollen wir Parallelstrukturen oder Strukturen, in denen sich alle wiederfinden?“

Und wie lautet Ihre Antwort?

Ich halte es nicht für richtig, dass wir Parallelstrukturen bilden. Wir müssen die vorhandenen Strukturen so gestalten, dass alle sich darin wiederfinden. Es ist nicht möglich, dass ein Doktor zehn Dolmetscher hat, um Menschen in zehn verschiedenen Sprachen behandeln zu können. Es geht auch nicht, dass jede Sprachgruppe einen Extra-Doktor hat. Das stößt an die Grenzen des Machbaren.

Was sind die Alternativen?

Wenn es in meiner Praxis um besondere Untersuchungen geht, habe ich erklärende Texte in den verschiedenen Sprachen. Damit können sich die Patienten auseinandersetzen. Aber auch der Patient muss dafür sorgen, dass er die Sprache des Behandlers versteht.

Lehnen Sie also Rheuma-Selbsthilfegruppen für Türkinnen ab?

Eine solche Gruppe wird den Türkinnen vielleicht bei dem Umgang mit ihrer Rheuma-Erkrankung helfen. Aber sie sind weiter ausgegrenzt aus der Gesellschaft. Eine Integration in die Selbsthilfegruppe vor Ort wäre viel besser. Dann sehen sie, dass auch hier Geborene darunter leiden. Fakt ist zwar, dass der Umgang mit Krankheiten in verschiedenen Ethnien ein anderer sein kann, aber auch das kann man in der gemischten Gruppe ansprechen.

Die Landesärztekammer hatte jüngst zu einem Runden Tisch zum Thema Migration eingeladen. Warum?

Wir haben drei verschiedene Ebenen: Im Bereich der Ärzteschaft gibt es eine größere Zahl von Kollegen aus dem Ausland. Wir haben Mitarbeiterinnen verschiedener Nationalitäten, die mit den Kollegen, Ärzten und Patienten kommunizieren müssen. Und wir haben eine große Zahl eingewanderter Patienten, die mehr oder weniger die deutsche Sprache beherrschen. All diesen Menschen müssen wir als Ärzte die Chance eröffnen, sich zu integrieren. Die Sprache ist dabei der Schlüssel zum Verständnis.

Interview: Jutta Rippegather

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen