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Interview zu "Jugend debattiert" Richtig Streiten will gelernt sein

Eine Erfolgsgeschichte: 1991 startete der Wettbewerb „Jugend debattiert“. Zwanzig Jahre später beteiligen sich 730 Schulen. Projektleiter Ansgar Kemmann spricht über Unterschiede bei Jungen und Mädchen sowie Einflüsse von Internet-Foren und Casting-Shows.

01.06.2011 15:43
Eine Erfolgsgeschichte: Den Wettbewerb Jugend debattiert gibt es seit zehn Jahren. Foto: Renate Hoyer

Eine Erfolgsgeschichte: 1991 startete der Wettbewerb „Jugend debattiert“. Zwanzig Jahre später beteiligen sich 730 Schulen. Projektleiter Ansgar Kemmann spricht über Unterschiede bei Jungen und Mädchen sowie Einflüsse von Internet-Foren und Casting-Shows.

Herr Kemmann, warum gewinnen bei Jugend debattiert fast immer die jungen Männer?

Es ist sicher ein Körnchen Zufall, dass wir erst eine weibliche Bundessiegerin haben. Dass diese aus Hessen kommt, ist natürlich kein Zufall, denn wie hieß es schon unter Ministerpräsident Georg August Zinn: „Hessen vorn“. Aber das sage ich als Lokalpatriot. Tatsächlich haben mehr Mädchen als Jungen am Wettbewerb teilgenommen, aber die Jungen haben in den zehn Jahren mit einer Ausnahme, eben unserer Hessin Maria Brier, immer gewonnen. Das stimmt.

Haben die jungen Damen eine Beißhemmung, wenn es um den letzten Schritt zum Sieg geht?

Vielleicht. Es gibt aber auch Beißhemmung bei Jurorinnen. Frauen protegieren keineswegs immer Frauen. Das liegt möglicherweise an höheren Erwartungen an das eigene Geschlecht, vielleicht auch an einem gewissen Bemühen, bloß nicht in den Verdacht zu geraten, das eigene Geschlecht zu bevorzugen oder eine Quote erfüllen zu wollen.

Die meisten Wettbewerbsteilnehmer sind also weiblich - weil Frauen einfach kommunikativer sind?

Vorsicht, das kann man so nicht sagen.

Warum?

Man muss zunächst zwischen den Altersgruppen unterscheiden.. Bei den Jüngeren resultiert die Vormachtstellung der Mädchen zunächst einfach daraus, dass sie weiter entwickelt sind als ihre Altersgenossen, und sich deshalb früher für das Debattieren interessieren. Bei den älteren Jahrgängen wählen einfach mehr Mädchen als Jungen das Fach Deutsch, in dem der Wettbewerb vor allem stattfindet.

Und warum haben die Jungen dann zum Schluss doch die Nase vorn?

Gerade bei den Älteren wird deutlich, dass Jungen, die sich ernsthaft am Wettbewerb beteiligen, sich anders engagieren als viele Mädchen. Mädchen sind beständig, fleißig, kommunikativ. Das bringt sie zunächst nach vorn. Wenn es aber zum Schwur kommt, knien sich die Jungs ganz anders rein, rufen eben auch mal im Ministerium an, wenn sie Informationen brauchen, sind da einfach fordernder. Jungen arbeiten dann, wenn es im Wettbewerb auf die letzten Meter geht, auch Tag und Nacht, punktuell zwar, aber strukturierter und zugleich spielerischer. Sie geben auch am Ende ihrer Rede oft noch mal richtig Gas, um zu gewinnen, Mädchen eher nicht.

Debattieren Jungen und Mädchen auf verschiedene Art?

Mädchen haben mehr den Blick fürs Ganze, Jungen achten eher auf ihre eigenen Interessen. Die guten Jungen blicken natürlich auch über ihren Tellerrand, aber dann geschieht folgendes: Jungen werden für „weibliche“ Qualitäten wie Abwarten können gelobt, Mädchen für „männliche“ Qualitäten eher kritisiert, etwa wenn sie sich einfach das Wort nehmen.

Seit zehn Jahren gibt es Jugend debattiert. Twitter, Facebook und SMS existierten zu Anfang des Wettbewerbs noch gar nicht. Nehmen diese neuen Arten der Kommunikation Einfluss auf die Fähigkeiten der Teilnehmer?

Im Stil von Kurzmitteilungen wie SMS oder Twitter kommt man in einer Debatte nicht durch. Das Internet hat allerdings als Recherchemedium stark an Bedeutung gewonnen. Leider werden von den Schülern Informationen aus dem Netz häufig ungeprüft übernommen.

Das wären dann Mängel in der Recherche. Fällt es jungen Leute heute leichter oder schwerer als früher, sich eine eigene Meinung zu bilden?

Da hat sich nicht viel geändert. Viele Jugendliche nutzen zunächst Internet-Foren, um sich eine Meinung zu bilden, diskutieren dort auch mit. Je weiter sie aber kommen mit ihren Fähigkeiten und auch im Wettbewerb, desto unwichtiger werden diese Foren, weil für sie dort nicht mehr viel zu holen ist. Dort werden zwar viele Meinungen geäußert, es fehlen aber häufig die Begründungszusammenhänge. Auch wir haben versucht, ein Internetforum in Ergänzung zu unseren Debatten anzubieten. Wir haben es eingestellt, weil unsere Zielgruppe uns mitgeteilt hat, dass Debatte doch live zu sein habe. Wenn man es wirklich wissen will, kommt man am Austausch face-to-face nicht vorbei, auch, weil man dort seine eigene Wirkung viel unmittelbarer überprüfen kann.

Sind junge Leute mehr als frühere Generationen darauf trainiert, öffentlich zu präsentieren, sich selbst öffentlich zu präsentieren?

Das hat stark zugenommen. Einen wichtigen Einfluss haben da die Casting-Shows im Fernsehen, auch wenn die uns Älteren zuweilen gruselig erscheinen mögen.

Aber da ist doch ganz viel heiße Luft.

Man will gar nicht unbedingt so auftreten wie jene, die dort auch der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die Shows zeigen aber, es gibt Wege jenseits von Schule, die direkt zum Erfolg zu führen scheinen und bei denen ich ganz groß rauskommen kann, wenn ich mich zu präsentieren weiß.

Das klingt vor allem nach Selbstdarstellern. Gibt es da nicht viele Blender?

Natürlich. Aber bei Jugend debattiert lernen junge Leute auch, sich selbst nicht so leicht blenden zu lassen.

Bereitet Schule junge Leute richtig auf das öffentliche Präsentieren vor?

Das hängt stark von der Lehrkraft ab. In den Lehrplänen ist ja nicht vorgezeichnet, wie die Vorbereitung und Auswertung im Einzelnen aussehen soll. So wird häufig die Talk-Show als Vorbild für öffentliche Diskussionen genommen. Dabei bleibt oft eines auf der Strecke: die Antwort auf die eigentlich gestellte Frage. Bei Jugend debattiert können Lehrer lernen, wie man solche Gespräche besser anlegt und zwischen Unterhaltung und dem Anspruch unterscheidet, ein Ziel zu verfolgen, nämlich die gestellte Frage genau und gründlich zu beantworten. Natürlich gehört auch Unterhaltung zur Debatte. Die Unterhaltung sollte sich aber in den Dienst der Beantwortung der Frage stellen.

Über was reden junge Leute gerne?

Bei unseren Siegerseminaren, wo die 14- bis 20-Jährigen zusammen kommen, geht es sehr schnell um Themen, die durch die Medien gehen. Besonders ethische Fragen sind den Jugendlichen sehr wichtig, werden aber erst aufgegriffen, wenn sich die Jugendlichen gegenseitig besser kennen. Solche Fragen können dann sein, ob Organspende für alle zur Pflicht werden soll oder ob Sterbehilfe erlaubt sein darf. Da haben Jugendliche oft sehr rigide Meinungen.

Sie sagen, Jugend debattiert ist mehr als ein Wettbewerb. Warum?

Wir schöpfen nicht einfach die Sahne ab, sondern beginnen im Unterricht in den Schulen, der sich an alle wendet. Bei der Anmeldung zu Jugend debattiert muss sich jede Schule dazu verpflichten, ihre Lehrer in eine Fortbildung zu schicken, wo sie erfahren, wie sie das Debattieren in den Unterricht einführen können. Wir hören etwa von Biologielehrern, dass sie es gut finden, wenn das Debattieren im Deutschunterricht eingeübt wurde, weil sie dann auch mal eine bioethische Frage debattieren können. Und natürlich funktioniert Debattieren auch als Sprachförderung. Gerade Mädchen mit Migrationshintergrund, die von zu Hause keine Ermutigung zum Debattieren erfahren, nutzen diese Gelegenheit, in dem geschützten und klar strukturierten Rahmen einer Debatte zu Wort zu kommen.

Und dann debattieren die Schüler darum, ob Hausaufgaben sinnvoll sind. Welche Grundregeln gehören zum Streiten?

Erstens: Zuhören, zuhören, zuhören. Das beginnt schon vor dem ersten Wort. Nur wenn ich weiß, um welche Frage es eigentlich geht, kann ich als Redner sinnvoll an den Horizont meiner Zuhörer anknüpfen. Zweitens: Indem die Redner anknüpfen, bleiben sie im Gespräch beisammen. Wenn jeder nur sagt, was ihm gerade einfällt, steht das im Raum und es wird eben kein Gespräch daraus, sondern es bleibt eine Anhäufung von Äußerungen. Die Konzentration auf die gemeinsame Streitfrage erlaubt es, an einem Thema zu bleiben, obwohl man gegensätzlicher Meinung ist. Das ist das Wunder der Debatte. Obwohl man konkurriert, kooperiert man auch.

Zuhören, anknüpfen. Und dann?

Position beziehen. Man muss Positionen deutlich vertreten, um sich auch an ihnen abarbeiten zu können. Das Vierte ist: Man muss bereit sein, seine Position zu überdenken, Unterschiede zu identifizieren und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Man muss für möglich halten, dass der andere etwas gesehen hat, was man selbst nicht gesehen hat. Auch der andere könnte recht haben.

Und dann kommt man zu Kompromissen.

Der Kompromiss ist aber nicht Gegenstand der Debatte. Die Debatte soll auch nicht mit einem Kompromiss schließen. Ein möglicher Kompromiss kommt erst danach, wenn die Positionen klar und überdacht sind. Sonst ginge es ja nur darum, wer das stärkste Sitzfleisch hat und den anderen zwingen kann, endlich einzulenken. In Debatten gilt die Würde des Nein.

Aber man muss sich doch einig werden am Ende.

Alles hat seine Zeit. Um das Verbindende richtig wahrzunehmen, muss man das Trennende sehen. Um einen tragfähigen Kompromiss zu finden, muss ich erst einmal den Gegensatz scharf gestellt haben.

Wird nicht ohnehin überall debattiert, mehr als genug?

Es geht nicht um mehr Debatten, es geht um bessere Debatten. Wir leiden, wenn zu viel Geschwätz stattfindet. Irgendwann trauen die Leute dem Gespräch nichts mehr zu.

Ein Landtagsbesuch gehört zum Standardprogramm von Schulklassen. Welche Art der Debatte sehen die dort?

Die Debatte ist dort Teil eines langen Verfahrens. Sie zeigt, wo die Parteien stehen, auf welcher Basis ein Kompromiss zu finden ist. Man sieht ja, dass kein Gesetz den Landtag verlässt, wie es hineingekommen ist. Ob die Debatte gut ist, hängt davon ab, ob die Redner die gemeinsame Sache sehen oder nur einer Lobby verpflichtet zu sein glauben. Es wäre für manche Politiker eine heilsame Übung, mal in verteilten Rollen zu sprechen und zu sehen, die andere Seite hat auch Argumente.

Würde im Landtag häufiger im Sinne der Sache debattiert, wenn man die Öffentlichkeit ausschließen würde?

Politiker sagen das selbst immer wieder. Die Ausschussdebatten, wo in der Regel kein Publikum anwesend ist, würden in viel sachlicherem Ton geführt als im Plenum. Hinter verschlossenen Türen kommt man aber in die Gefahr, sich allzu gut zu verstehen, also zu kungeln und faule Kompromisse einzugehen.

Politiker warnen häufig, Streit im Parlament könne die Politikverdrossenheit befördern. Haben die recht?

Wenn sich Politiker so streiten, wie sie das gewöhnlich tun, stimmt das. Der Streit ist unfruchtbar, wenn er nur noch der Belustigung der eigenen Parteigänger dient. Streit lohnt hingegen, wenn er für Klärung sorgt und sehen lässt, wo tatsächlich die Differenzen liegen.

Würde ein Parlament aus lauter Jugend debattiert-Siegern die bessere Politik machen?

Das wäre sicher eine artige Veranstaltung (lacht).

Interview: Peter Hanack

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