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Interview Radfahren "Kampfradler schulen"

Ein Psychologe erklärt im FR-Interview, was eigentlich auf den Straßen der Stadt passiert. Warum Autofahrer immer als die Bösen und die Radfahrer als die ach so Guten gelten. Und wie dem abgeholfen werden kann.

29.09.2012 17:52
Rad am Main: manchmal schwer, manchmal gefährlich. Foto: Andreas Arnold

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Herr Kalwitzki, in Frankfurt ist der Anteil des Radverkehrs auf 15 Prozent gestiegen. Zugenommen haben auch die Probleme. Jetzt klagen auch Radler selbst darüber, dass es manchmal rüpelhaft auf den Radwegen zugeht. Kennen sie das Problem? Ja. Bisher hat man sich nicht viel Gedanken gemacht, wie man das regelt. Einen Autofahrer kann man spürbar sanktionieren, indem man ihm Punkte in Flensburg erteilt oder die Fahrerlaubnis entzieht. Beim Radfahrer ist das nicht möglich. Es gibt aber auch dort Individuen, die sich aus unterschiedlichen Gründen asozial verhalten.

Viele Radler sind auch Autofahrer. Warum verhalten sich gewisse Leute generell rücksichtslos im Verkehr? Wettbewerb und Hierarchien spielen in unserer Gesellschaft eine große Rolle. Das spiegelt sich auf der Straße wider. Auch bei den Radfahrern gibt es die unterschiedlichsten Typen – zum Beispiel Familien, die mit kleinen Kindern unterwegs sind, den Tour-de-France-Fahrer, der hohe Geschwindigkeiten fahren will, und es gibt den Mountainbiker, der off road unterwegs ist. Je mehr Leute Fahrrad fahren, desto mehr kommen sie sich in die Quere.

Provoziert nicht auch mangelhafte Infrastruktur Verstöße? Etwa dass die Rotphasen sich am Tempo der Autos orientieren? Die Radanlagen sind zum Teil unterdimensioniert für das jetzige Verkehrsaufkommen. Es gibt diverse Hindernisse. Da führt auch mal ein Radweg plötzlich auf den Gehweg, wo es zu Konflikten mit Fußgängern kommt.

Da könnten wir viel von Holland lernen, oder? Auch bezüglich des Autoverkehrs finden sich dort viele interessante Ansätze zur Verkehrsberuhigung. Von dort stammt ja auch das Modell Shared Space.

Sie meinen die Straßen, wo sämtliche Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind und sich selbst einigen müssen. Das sind interessante Ansätze, die soziales Verhalten fördern können. Die auch zur Verunsicherung aller Beteiligten führen können, die alte Gewohnheiten aufbrechen und dazu führen, dass die Leute sich neu orientieren. Es kommt auch zu Klagen, wenn Teilnehmer selbst regeln müssen, wie sie sich im Kreisverkehr oder Shared Space verhalten sollen. Das ist ein Lernprozess für alle.

Wie soll das gehen? Der Stärkere hat Vorfahrt. Der Autofahrer hupt laut: Mach Platz, hier komme ich. Der Autofahrer muss lernen, dass die anderen Verkehrsteilnehmer genau so ernst zu nehmen sind wie seinesgleichen. Doch wenn man den Radverkehr fördert, muss man auch überlegen, wie man damit umgeht. Wenn ein Autofahrer viele Punkte in Flensburg hat, wird er in Seminare, Nachschulungen, zur Eignungsuntersuchung MPU geschickt.

Brauchen wir solche Sanktionen auch für Radler? Ich würde das nicht als Sanktionen bezeichnen. In der Regel besteht einfach Weiterbildungsbedarf bei den Fahrradfahrern. Sie müssen lernen, was es bedeutet, im öffentlichen Raum teilweise mit hohen Geschwindigkeiten unterwegs zu sein. Sogenannte Rüpelradler oder Kampfradler, die mehrfach aufgefallen sind, könnte man dazu auffordern, eine Schulung zu machen. Wobei die Registrierung mangels Zulassungskennzeichen schwierig ist.

Wie sieht eine Verkehrsschulung aus? Wir haben da die Erfahrung aus dem Kraftfahrerbereich. Meist werden verschiedene Aspekte besprochen. Zum Beispiel wie der Einzelne es überhaupt mit den Regeln hält. Es geht auch um seine Persönlichkeit, wie er sich sieht. Auch unter Radlern gibt es Leute, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Die ihr eigenes Interesse über das der anderen stellen.

Heißt es nicht, dass Radler die besseren Menschen sind? Sie haben ein bisschen den Nimbus, weil sie umweltfreundlich unterwegs sind, sich körperlich bewegen und damit etwas für ihre Gesundheit tun. Aber bessere Menschen sind sie deswegen nicht.

Aber es ist doch auch frustrierend, wenn man täglich erleben muss, dass man zu den schwächsten Verkehrsteilnehmern gehört. Ein Radfahrer hat das Problem, dass er sich gegenüber dem Autoverkehr benachteiligt fühlt. Gleichzeitig kann er sich als lonesome rider fühlen, weil er frei sitzt und hoch. Des Cowboys, der sich am Stau vorbeischlängelt, mal auf den Bürgersteig fährt, dann durch die Fußgängerzone. Auch weil Stadtplanung häufig seine Bedürfnisse nicht berücksichtigt.

Dann wird es anarchisch. Ja, dann entsteht das Gefühl: Ich werde nicht beachtet, man vernachlässigt mich, dann lege ich mir meine Regeln selber zurecht. Hinzu kommen Sicherheitsprobleme. Dass man Angst hat auf einer großen Straße zu fahren, sich auch mal auf den Fußweg rettet. Wenn der Fahrradverkehr weiter so zunimmt, gibt es noch einiges zu überlegen und zu tun. Man muss sich arrangieren. Und manche müssen das lernen.

Das Interview führte Jutta Rippegather

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