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Interview Islam-Unterricht "Toleranz ist wichtig"

Die Theologin Gonca Aydin wird an der Auswahl der Lehrer für den Islam-Unterricht beteiligt sein. Im Interview spricht sie über die Auswahlkriterien, den Inhalt des Unterrichts und die Möglichkeit, muslimische und christliche Kinder gemeinsam zu unterrichten.

24.11.2012 23:46

Frau Aydin, wenn der islamische Religionsunterricht kommt, werden Sie in der Berufungskommission der Ditib sitzen, die die Lehrer auswählt. Nach welchen Kriterien geschieht das?
Wir haben Auswahlkriterien entwickelt, aber das Kultusministerium hat noch nicht darüber entschieden. Auf jeden Fall müssen die Interessenten ein Lehramtsstudium abgeschlossen haben. Solange es noch keine Kandidaten mit einem Abschluss in islamischer Theologie gibt, wäre es sicher hilfreich, wenn sie islamwissenschaftliche Vorkenntnisse haben. Wir sind jedenfalls ganz gespannt, wer sich bewirbt.

Sie selbst sind Sunnitin und ausgebildete islamische Theologin. Was sollten Kinder in der Schule über den Islam lernen?
In der Grundschule, vor allem in der ersten Klasse, geht es um das Grundlegende, um das, was alle Muslime verbindet.

Das heißt, auch alevitische und schiitische Kinder und Ahmadiyyas sollten sich da wiederfinden können, auch wenn der Lehrer Sunnit ist?
Der Religionsunterricht ist bekenntnisorientiert. Für die Kinder von Ditib-Mitgliedern ist er verbindlich. Für die anderen muslimischen Verbände oder Konfessionen ist er offen, jede und jeder kann teilnehmen.

Was ist denn das Grundlegende des Islams? Wenn Sie Grundschullehrerin wären, für welche Themen würden Sie sich entscheiden?
Es gibt ja ein gemeinsames Curriculum für den Religionsunterricht, das sagt, was gelehrt werden soll. Da geht es um Fragen wie: Was ist Gott, welche Eigenschaften hat er, und was heißt das für das Handeln des Menschen? Barmherzigkeit, gegenseitiger Respekt, friedliches Zusammenleben sind wichtige Ziele. Die Kinder sollen natürlich den Koran kennenlernen und die Sunna, das Leben und Handeln des Propheten. Und sie sollen Toleranz gegenüber anderen Religionen einüben und lernen, dass die großen Religionen eng verwandt sind: Islam, Christentum und Judentum stammen ja alle von Abraham ab.

An der Theodor-Heuss-Schule machen Sie mit der Verwandtschaft Ernst und geben interreligiösen Religionsunterricht, zusammen mit Ihren christlichen Kollegen. Was ist das Ziel?
Wir wollen, dass die Schüler von- und miteinander lernen statt getrennt. Wir bieten das in der 11. Klasse an, da haben die Schüler ihre eigene Religion schon kennengelernt.

Um was geht es im Unterricht?
Wir behandeln zunächst die Zeit des Al-Andalus, der islamischen Hochkultur auf der spanischen Halbinsel im Mittelalter, als es einen sehr produktiven Austausch zwischen den Religionen gab. Auf die Gegenwart bezogen spielt das Thema Toleranz eine große Rolle, da arbeiten wir mit philosophischen Texten etwa von Rainer Forst (Frankfurter Philosoph und Leibniz-Preisträger, d.Red.). Wir machen dann Biografiearbeit, die Schüler sollen sich gegenseitig erzählen, was ihnen wichtig ist in ihrem Leben …

… und die Religion?
Die Religionen kommen dann erst: der Monotheismus, welche Rolle Frieden und Gerechtigkeit spielen, etc. Und wir besuchen die verschiedenen Gebetshäuser.

Was löst der Unterricht aus?
Sicher mehr Verständnis, gegenseitig, aber auch für die eigene Tradition. Muslimische Schüler zum Beispiel wissen oft nicht, dass es die Blütezeit des Al-Andalus gab. Atheistische Schüler kommen in Kontakt mit religiösen Weltanschauungen.

Wenn das so gut klappt, könnte man doch gleich ab der ersten Klasse interreligiösen Religionsunterricht geben?
Nein, da sind die Kinder noch zu jung. Erst mal müssen sie ihre eigene Religion erfassen und da ihre Identität finden, sonst geht von Anfang an alles durcheinander. Aber mit neun oder zehn Jahren ist so ein Unterricht wünschenswert.

Das Interview führte Ursula Rüssmann

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