Lade Inhalte...

Interview „Die Qualität in Krippen leidet“

Die Geschäftsführer des freien Trägers BVZ schlagen Alarm: In U3-Kitas wird zu wenig Personal finanziert.

BVZ
Die BVZ-Geschäftsführer Andrea Wolf van Wijk und Tom Wieland. Foto: Michael Schick

Andrea Wolf van Wijk und Tom Wieland sind Geschäftsführer der BVZ GmbH, einem freien Träger von Kindertageseinrichtungen. Das BVZ betreibt im Frankfurter Raum 160 Kitas mit mehr als 6000 Betreuungsplätzen für Kinder im Alter von drei Monaten bis zwölf Jahren.

Frau Wolf van Wijk, Herr Wieland, seit 1. August sind die Kindergärten gebührenfrei. Die Politik feiert das – Sie auch?
Wieland: Im Interesse der Eltern begrüßen wir das sehr. Viele Eltern werden umfangreich entlastet. Wir befürchten aber, dass dabei die Frage der Qualität in Kitas in den Hintergrund tritt und nicht mehr die nötige öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Durch den Jubel über die Beitragsfreiheit in Kindergärten gerät in Vergessenheit, dass die Qualität in U3-Einrichtungen schon lange leidet.

Warum leidet dort die Qualität?
Wieland: Da muss ich weit ausholen. Das Land sichert die Qualität, indem es per Gesetz den Mindestbedarf an Personal in Kitas klar definiert. Finanziert wird das für Krippe, Kindergarten und Hort von der Kommune. Aber es gibt noch die sogenannte mittelbare pädagogische Arbeit. Vorbereitungszeiten, Nachbereitungszeiten, Fortbildungen, Leitung, Elterngespräche. Das ist keine Muss-Vorschrift, sondern eine allgemeine Aufgabe des Trägers. Im Kindergarten wird das von der Kommune finanziert. Im U3-Bereich nicht.

Warum ist das so? In der Krabbelstube müssen doch auch Elterngespräche geführt werden.
Wolf van Wijk: Mehr sogar als im Kindergarten. Die Kinder können ja zunächst nicht selber reden.
Wieland: Die Situation ist vergleichbar mit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz. Ist eine Weile her, aber da war es auch so. Länder und Kommunen haben den Rechtsanspruch umgesetzt, Plätze geschaffen. Sechs Jahre später erst wurde in Frankfurt die Qualität abgesichert. Da hat man den politischen Beschluss gefasst, die Personalbemessung über die gesetzlichen Vorgaben anzuheben.

Die Politik ist nun also nun gefordert, um die Qualität in den Krippen zu sichern?
Wieland:
Es ist allerhöchste Eisenbahn. Wir haben als größter freier Träger in Frankfurt den seit 2013 bestehenden Rechtsanspruch auf einen U3-Platz massiv mitabgesichert. In der Hoffnung, dass nachher die Qualität gesichert wird. Da warten wir jetzt drauf. Inhaltlich gibt es keinen Dissens. Eine Expertenrunde aus freien und konfessionellen Trägern, der städtischen Kita Frankfurt und dem Stadtschulamt war sich da schon vor zwei Jahren ganz schnell einig, dass die Personalbemessung im U3-Bereich nicht ausreicht. Aber die Kämmerei meint, es gibt da im Moment zu wenig Geld für.

Was würde es denn kosten?
Wieland: Im Moment bekommen wir für einen Ganztagsplatz im U3-Bereich etwa 1600 Euro. Um auch die mittelbare pädagogische Arbeit bezahlen zu können, müssten es 300 Euro mehr sein. Insgesamt geht man bei den Krippen von einer Größenordnung von 20 bis 26 Millionen Euro aus, die zusätzlich benötigt werden. Und da kommen wir wieder zur Gebührenfreiheit: Den Kommunen fallen die Entgelte von Eltern weg, sie bekommen aber im Gegenzug Mittel vom Land. Frankfurt wird im Jahr 2019 zehn Millionen mehr erhalten, als die Stadt an Ertragsausfällen hat. Das ist keine Spekulation von mir. Das steht in einem Magistratsvortrag. Das Land zahlt pro Betreuungsplatz mehr, als die Stadt im Durchschnitt als Entgelt erhoben hat. Es wäre also doch Geld da.

Wenn Sie Elterngespräche nicht finanziert bekommen – gibt es sie dann bei Ihnen in den Krippen nicht?
Wieland: Wir versuchen, die Zeiten für Vorbereitung, Nachbereitung und Elterngespräche zum Teil quer zu finanzieren. Das heißt, Geld kommt aus dem Kindergarten- und Hortbereich.
Wolf van Wijk: Aber die Mitarbeiter kommen an ihre Belastungsgrenze, weil diese Zeiten eben nicht richtig finanziert werden können. Sie bräuchten viel mehr Zeit, um reflektieren zu können. Das ist nicht drin. Der Stress ist bei der Arbeit mit kleinen Kindern sowieso größer. Deshalb springen im U3-Bereich viele ab. Sie sind auch öfter krank.

Bekommen angehende Erzieherinnen und Erzieher in der Ausbildung mit, dass im U3-Bereich die Belastung groß ist?
Wolf van Wijk: Die Erzieherinnen und Erzieher werden in der Ausbildung nicht so gut auf den U3-Bereich vorbereitet. Er fristet ein Nischendasein. Da gibt es freiwillige Angebote für die Studierenden, die nach wie vor eher von der Minderheit wahrgenommen werden. Alles ist viel mehr auf den Kindergarten und Hort fokussiert.

Also müsste sich auch in der Ausbildung etwas ändern.
Wieland: Ja. Es gibt dabei noch ein Problem. Im Anerkennungsjahr der Ausbildung haben sich die Anforderungen massiv geändert. Da wird nun mehr Wert auf die Qualität in der Praxisbegleitung geachtet. Das ist aus unserer Sicht positiv, erfordert aber ein hohes Zeitkontingent in den Einrichtungen. Da stehen die Krippen unter Druck. Die haben die Ressourcen nicht. Die Folge ist, dass auch die Berufspraktikanten, die Fachkräfte der Zukunft, eher in die Kindergärten wandern. Es klemmt an allen Ecken und Enden.

Gleichzeitig will die Stadt aber die Plätze ausbauen. Haben Sie vor, weitere Kitas zu eröffnen?
Wolf van Wijk: Wir haben da jetzt ein bisschen auf die Bremse getreten. Nach diesem intensiven Ausbau ist jetzt der Fokus auf die Qualität zu richten. Das sehen die anderen freien Träger auch so.

Dann hat die Stadt aber ein Problem. Der Bedarf für mehr Plätze ist ja da.
Wieland: Der Druck verschiebt sich auf den städtischen Träger Kita Frankfurt. Der hat sich beim Ausbau die vergangenen Jahre etwas zurückgehalten. Der gerät jetzt unter Druck, wenn es kein freier Träger macht. Der Rechtsanspruch muss ja gesichert sein. Es drängen aber auch neue, bundesweit tätige Träger auf den Markt. Aus Berlin, aus Hamburg.

Eltern könnten nun Angst bekommen, wenn Sie über leidende Qualität in Kitas, Unterfinanzierung und überlastete Mitarbeiter sprechen. Sie könnten das Wohl ihres Kindes gefährdet sehen.
Wieland: Von Ängsten würden wir nicht gerne reden. Es ist nicht das Kindeswohl gefährdet. Aber mit Sicherheit können wir nicht in allen Einrichtungen die Ansprüche der Eltern erfüllen. Es gibt verständlicherweise die hohe Erwartung an unsere Einrichtungen, dass die Kinder nicht nur betreut werden, sondern auch der Bildungsauftrag umgesetzt wird. Portfolios, Entwicklungsverläufe, eng getaktete Elterngespräche. Kitas sind teilweise halbe Erziehungsberatungsstellen. Und es gibt noch den Auftrag, inklusiv zu arbeiten. Diese ganzen Anforderungen können wir mit den Rahmenbedingungen nicht einlösen. Das führt auch zu Krisen in den Einrichtungen.

Wie sehen solche Krisen aus?
Wieland: Unzufriedenheit bei den Eltern, bei den Mitarbeitern. Es gibt hin und wieder, Gott sei Dank noch selten, Einschränkungen der Öffnungszeiten. Wir gewinnen viele Fachkräfte aus dem Umland. Die brauchen oft Unterstützung in der Kommunikation mit Eltern. Gerade die Jüngeren. Wenn die mit den sehr gut gebildeten Schichten im Westend konfrontiert werden, da entstehen Reibungspunkte. Zum Beispiel beim Thema Ernährung. Wir unterstützen die Mitarbeiter mit externen Fachleuten. Das ist relativ kostenintensiv. Aber es geht ja auch darum, sie zu halten.

Es wird immer allgemein vom Fachkräftemangel gesprochen, aber Erzieherinnen und Erzieher für die Krippe zu gewinnen, ist am schwierigsten?
Wieland: Das ist eindeutig der Fall. Wenn wir in einem Hort eine Stelle frei haben, dann führen wir zehn Bewerbungsgespräche. Wenn im U3-Bereich eine Stelle frei ist, dann sind wir froh, wenn sich überhaupt jemand bewirbt. Und wenn das noch jemand ist, der engagiert und gut ausgebildet ist...
Wolf van Wijck: ...dann ist das ein Jackpot.

Interview: Sandra Busch

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen