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Interview „Die Bundesregierung macht sich mitschuldig“

Der Arzt Michael Wilk unterstützt die Nothilfe in Nordsyrien. Momentan hält er sich in den kurdischen Gebieten auf. Mit der FR spricht er über sein Engagement.

Michael Wilk, Jahrgang 1956, ist Allgemein- und Notfallmediziner sowie Schmerz- und Psychotherapeut in Wiesbaden. Als Aktivist engagiert er sich seit Jahrzehnten, etwa im Anarchistischen Forum Wiesbaden und dem Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden. Regelmäßig reist der Arzt zu Hilfseinsätzen ins Ausland. Aktuell hält er sich in Nordsyrien auf – in den vergangenen Tagen ist er von der Stadt Qamischli gen Manbij weitergereist, wo Tausende Geflüchtete aus Afrin ausharren. 

Herr Wilk, Sie halten sich gerade im nordsyrischen Qamischli auf. Wo genau erreiche ich Sie?
Ich arbeite hier momentan im Büro des Kurdischen Roten Halbmonds. Ich bin seit 2014 immer wieder in der Region. Meistens für Hilfseinsätze, zuletzt im September vorigen Jahres in Rakka. Zur Zeit plane ich aber die Logistik der Nothilfe mit.

Sie arbeiten also aktuell vor Ort nicht direkt als Arzt?
Das kann man ja so klar nicht trennen. Rettungsmedizin hat immer etwas mit Logistik zu tun. Es macht wenig Sinn, mit einem Verbandspaket hierhin zu fahren. Eine medizinische Versorgung lässt sich nur sicherstellen, wenn das entsprechende logistische Rückgrat existiert. Insofern sehe ich mich schon als Notarzt im Einsatz, aber dieses Mal in anderer Funktion als in Rakka, wo ich tatsächlich am OP-Tisch stand.

Qamischli liegt knapp 500 Kilometer von Afrin entfernt. Wie viel kriegen Sie dort aus den Kampfgebieten mit?
Wir kriegen viel mit. Ich habe Kontakt mit Leuten, die gerade aus Afrin zurückgekommen sind. Das sind Mitarbeiterinnen vom Kurdischen Roten Halbmond, die dort wochenlang gearbeitet haben, auch im Krankenhaus, das bombardiert worden ist. Außerdem haben wir Telefonkontakt zu Kolleginnen und Kollegen, die sich bei den Geflohenen befinden.

Und was berichten Ihnen die Menschen aus Afrin?
Afrin war ja über eine lange Zeit eine Insel der Ruhe in einem ansonsten kriegsgebeutelten Land. Bis vor der in meinen Augen völkerrechtswidrigen Invasion durch die türkischen Truppen gab es dort keine Kampfhandlungen. Deshalb sind zu der überwiegend kurdischen Bevölkerung sehr viele Binnenvertriebene hereingeströmt, weil sie sich dort sicher fühlten. Aber in den vergangenen Tagen mussten Hunderttausende Menschen die Region verlassen.

Wohin sind sie geflohen?
Ich habe von mehreren Seiten gehört, dass diese Menschen, sobald sie in Assad-Gebiet übergewechselt sind, auf Kontrollposten des Regimes gestoßen sind, die einen Wegezoll von 1200 bis 2000 Dollar pro Person verlangten. Diese Menschen wurden nicht nur verfolgt von islamistischen Söldnertruppen und der türkischen Armee, sondern mussten auch noch auf der Flucht ihr letztes Geld abgeben. Die meisten befinden sich jetzt zwischen der Kleinstadt Tall Rifaat und Aleppo. Augenzeugen berichten uns, dass eine große Anzahl frei im Feld campiert. Die Lage ist so prekär, dass Frauen ihre Kinder am Straßenrand gebären mussten.

Schaffen es Hilfskräfte, diese Menschen zu erreichen?
Der Kurdische Rote Halbmond versucht noch, eine Basisversorgung sicherzustellen. Das Rote Kreuz agiert von Aleppo aus. Aber das war’s auch schon. Größere Hilfsorganisationen müssen erst noch aktiv werden – da rede ich vor allem vom UNHCR.

Sie fordern also internationale Hilfseinsätze?
Ja, sonst ist das nicht zu schaffen. Die Menschen hier sind sehr enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft. Wir haben in den letzten Wochen viele Appelle nach außen geschickt. Aber wir haben nicht mal eine Antwort bekommen. Ich erkläre mir das damit, dass die Bundesregierung sich dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan zu sehr verpflichtet fühlt, um ihm in den Arm zu fallen. Ich muss leider feststellen, dass sie sich nicht nur durch Waffenlieferungen, sondern durch Untätigkeit mitschuldig macht an dieser menschlichen Tragödie in Afrin.

Was motiviert Sie dazu ausgerechnet in Nordsyrien zu helfen?
Mit den Einsätzen in den kurdischen Gebieten fing ich 2014 an, als die belagerte Stadt Kobane im letzten Moment befreit wurde von der Umklammerung des IS. Ich sah damals die Bilder dieser in Trümmer geschossenen Stadt. Mal abgesehen davon, dass ich einen guten Freund habe, der Kurde ist, hatte ich die Entscheidung zu treffen, ob ich bloß den Fernseher abschalte oder meine Fähigkeiten nutze. Ich habe letztlich einfach das gemacht, wozu ich in der Lage bin. Und wenn man die Leute einmal näher kennt, dann lässt man sie nicht mehr im Stich. Dazu kommt, dass sich hier im kurdisch kontrollierten Gebiet gesellschaftliche, emanzipative Veränderungen entwickeln, mit basisdemokratischen Prinzipien und Gleichberechtigung von Mann und Frau, die es zu unterstützen gilt.

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