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Internetknoten Die globalen Datenmanager

Über Decix tauschen 50 Millionen Menschen Informationen aus - bald könnte die kleine Metropole am Main die Internethauptstadt der Welt sein.

25.08.2008 00:08
JÜRGEN SCHULTHEIS
USA, Naher Osten oder Australien - am Frankfurter Internetknoten Decix strömen aus der ganzen Welt ungeheure Datenmengen zusammen. Foto: FR/Kraus

Arnold Nipper hat einen Traum: Er sieht sich auf den Bahamas sitzen und einen Drink halten, er sieht sich - was Beobachter überraschen mag - arbeiten. Denn ab und an schaut er auf seinen Laptop, um zu prüfen, ob im Netzknoten Frankfurt alles läuft. "Das ist mein Traum von Faulheit und einer Kommunikation, die dazu dient, einem das Leben leichter zu machen", sagt Arnold Nipper. Jetzt sitzt er im zweiten Stock des Hauses an der Frankfurter Lindleystraße 12 - und muss sich noch ein wenig gedulden, bis er seinen Traum leben kann.

Seit der diplomierte Mathematiker mitgeholfen hat, das deutsche Internet aufzubauen, hat sich viel getan in der Datenübertragung. Mitte der 80er war Nipper an der Universität Karlsruhe tätig, wo mit Xlink einer der ersten Internetdienste in Deutschland aufgebaut worden ist. Karlsruhe hat damals Internet-Geschichte geschrieben: Am 2. August 1984 kommt dort die erste elektronische Post aus den USA in Deutschland an, Empfänger der Mail ist Nippers Lehrer, Professor Werner Zorn.

Aber das ist lange her. "Ein Internetjahr", sagt Nipper, "sind zehn Lebensjahre". Heute arbeitet der Kommunikationsfachmann in einem Team von zwölf Experten, die in Frankfurt das betreuen, steuern und entwickeln, was man mit Fug und Recht den wichtigsten Internetknoten Europas nennen darf. Und wenn sich die Dinge so weiter entwickeln, wenn die Datenströme auch künftig um 100 bis 200 Prozent im Jahr wachsen und Ostasien, vor allem China die Vorteile des Knotenpunktes Frankfurt entdecken wird, dann wird die Stadt am Main in naher Zukunft von sich sagen dürfen, sie sei die Internethauptstadt der Welt.

In diesen Tagen jedenfalls liegt die Mainmetropole mit ihrem Decix, der Plattform für den Austausch des Datenverkehrs unter verschiedenen Providern, - gemessen an der Datenmenge - auf dem ersten Platz in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Knoten in Amsterdam, aber schon deutlich vor Metropolen wie London, Tokyo, New York und Moskau.

Frankfurt, die kleinste Metropole der Welt, ist der Austauschpunkt für mehr als 260 Netze in 30 Ländern, das Nervenzentrum eines Netzes der Netze, das mehr als 50 Millionen Endkunden verbindet. Bis zu 100 Gigabyte pro Sekunde schwingen als Laserstrahl lautlos durch die gelben Glasfaserkabel des Internetknotens am Main; Glasfaserkabel, die in einem gesicherten Gebäude an der Hanauer Landstraße aus dem Erdboden kommen und in wandschrankgroße Racks mit Rechnern des Decix münden.

Hier, an der vielbefahrenen Ausfallstraße nach Osten, in einem Gebäude innerhalb eines Gebäudes, hat Decix einen der vier Standorte des Knotens aufgebaut. Mehrere tausend Rechner stehen hier in einer Halle, die vom dauernden Rauschen der Luftkühlung erfüllt ist. Einen guten Teil der Computer haben Provider selbst aufgebaut; die physische Nähe zur Decix-Plattform minimiert das Risiko, dass der Datenaustausch durch beschädigte Glasfaserverbindungen beeinträchtigt oder gar unterbrochen wird.

Inmitten dieser Reihen steht in einem separaten Raum die Plattform, die die 260 Netze, etwa die Hälfte davon deutsche, miteinander verbindet. Gegenüber des Decix-Racks stehen etwa die Vermittlungsrechner (Router), die etwa Daten aus Quatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf die Plattform leiten. Die Kundenliste der Frankfurter Knotenmanager liest sich wie das who is who der Branche: Von Verizon, BBC Internet Services, Arcor und AT&T Deutschland über T-Online, FranceTelefonica, Telecom Italia und - als neuer Kunde - die Telekom Srbija. Sie alle speisen ihre Daten ebenso in den Frankfurter Knoten ein wie die Goethe-Universität, der Deutsche Wetterdienst, der Softwarehersteller SAP oder die Suchmaschinenanbieter Google und Yahoo.

Weiter hinten in der Halle hat das Australische Forschungsnetz einen Anschluss, und das Licht, das die Daten durch das Seekabel transportiert, "hat schon einige Kilometer hinter sich", sagt Frank Orlowski. Der 34-Jährige lebt in dieser Welt von Datenfluss und Gigabyte. Der Experte ist bei Decix für die Geschäftsentwicklung des Frankfurter Knotens verantwortlich und dieser Tage viel unterwegs zwischen New York, Odessa und Bukarest. Jetzt steht er hier und erläutert mit der Fähigkeit eines Informatikers, der auch Kindern das Internet umfassend und verständlich erklären könnte, den Maschinenpark und seine Funktionen. Hier stehen die Rechner vieler Universitäten oder Rechner von Stadtnetzbetreibern wie Alice Hansenet. Ob in den 30 Ländern, die über Frankfurt vernetzt sind, jemand Online-Poker spielt, in der World of Warcraft online kämpft, einen Musiktitel aus dem Netz lädt, über Google eine Suchanfrage abschickt, Pornofilme anschaut oder eine E-Mail schreibt - alle Daten laufen über die Rechner an der Hanauer Landstraße. "Es ist ein Spiegel der echten Welt da draußen mit edlen Einkaufsstraßen und Rotlichtvierteln. Unabhängig davon, ob man das gut oder schlecht findet", sagt Orlowski, "tendenziell ist das eine gute Sache, weil wir permanent miteinander kommunizieren können".

1995 gründeten drei deutsche Internetserviceprovider den Netzknoten Decix, weil bis dahin der Datenverkehr nur über transatlantische Verbindungen ausgetauscht werden konnte. Das war nicht nur teuer, es machte die Anbieter auch abhängig von fremden Knoten. Deshalb reift der Entschluss, im der geographischen Mitte Europas, in Frankfurt, einen Austauschknoten aufzubauen. In der Mainzer Landstraße wird das "erste Rack mit einer kleinen schwarzen Box aufgebaut", erinnert sich Decix-Mann Nipper. Heute gibt es allein in Frankfurt rund 200 000 Quadratmeter Rechenzentrumsfläche, die auch vom Decix belegt werden.

Und es könnten mehr werden, wenn Frankfurt der wichtigste Internetknoten weltweit werden wird. Im Sommer ist die Plattform technisch ausgebaut worden, bald können Daten in der Größe von 1,4 Terabit pro Sekunde ausgetauscht werden. Das wäre mehr als die dreifache Kapazität dessen, was in diesen Tagen durch das Glasfaser kommt. Und das ist immerhin der Inhalt von 16 000 Büchern, der in einer Sekunde durch die Kabel geschleust wird.

Der Ausbau war nicht nur wegen des ständig wachsenden Datenverkehrs im Internet notwendig geworden: YouTube und MySpace bringen mit ihren Filmchen Massenverkehr auf die Datenautobahn, mit der die Netze an die Kapazitätsgrenze kommen. Die Decix-Macher blicken aber vor allem auf die Wachstumsmärkte in Osteuropa und auf die Verlegung zweier Transkontinentalkabel in Richtung China. "Wir wollen Frankfurt global weiter etablieren", sagt Frank Orlowski. Und da beispielsweise auch die Chinesen expandieren möchten, "muss Frankfurt auf der Liste der möglichen Internetknoten ganz oben stehen". Deshalb muss der Frankfurter Knoten für weitaus größere Datenmengen gerüstet sein.

Wenn das Innovationstempo im bekannten Maße anhält, dann hat auch Arnold Nipper eines nicht allzu fernen Tages vermutlich die Chance, den Datenaustausch mit China über seinem Laptop auf den Bahamas zu überwachen. "Ich lebe für das Internet", sagt Nipper, "das ist mein Leben".

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