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Institut für Mathematik Der Billardforscher

Mathematiker Martin Möller ist mit seinen 33 Jahren einer der jüngsten Frankfurter Professoren. Damit nicht genug: Billardtische sind das Forschungsgebiet des geborenen Pfälzers. Von Anne Lemhöfer

In Martin Möllers Büro steht kein Billardtisch. Darüber wundert sich natürlich niemand. Martin Möller ist Mathematikprofessor, und im zweckmäßig eingerichteten Zimmer an der Robert-Mayer-Straße stehen: ein mittelgroßer Konferenz- und ein kleiner Schreibtisch. Eine altmodische Kreidetafel. Ein Computer. Ein Klapprad. Das Rad braucht der Siegburger, um es morgens in den ICE zu wuchten und vom Hauptbahnhof nach Bockenheim zu radeln. Ein Billardtisch im Büro wäre wahrscheinlich auch viel zu exzentrisch für Martin Möller.

Das Institut für Mathematik ist schließlich keine Werbeagentur. Andererseits: Es spräche eigentlich alles dafür, dass Möller, der mit 33 Jahren einer der jüngsten Professoren an der Frankfurter Goethe-Universität ist, ein Kneipensportgerät bei sich herumstehen hätte. Billardtische sind das Forschungsgebiet des geborenen Pfälzers. Genauer: Möller erforscht die Dynamik idealisierter Billardspiele. Das hat mit real existierenden Tischen mit grünem Filzbezug und bunten Kugeln, die rollen und irgendwann zur Ruhe kommen oder in Löcher fallen, nicht viel zu tun. Es geht vielmehr um die Wege, die eine einmal angestoßene Kugel zurücklegt, würde sie nicht anhalten, sondern ewig weiterrollen. "Die idealisierten Kugeln haben keine Reibung und keinen Drall", erklärt er.

Sein Ehrgeiz: Alle Tischformen herauszufinden, auf denen eine einzige Kugel, einmal angestoßen, auf ihrem endlosen Weg sämtliche Punkte der Fläche berührt. Anders als für einen Menschen, der mit dem Queue seine Freunde besiegen will, können die Billardtische eines Mathematikers auch ruhig drei-, sieben- oder achteckig sein. Martin Möllers Billardtische, die wie Teile eines Tangram-Puzzles aussehen, stecken im Computer. Hier spielt er das Spiel mit der Kugel, die nur ein schwarzer Punkt ist, stunden- und tagelang. "Meine Forschungsarbeit besteht darin, die dynamischen Systeme zu klassifizieren und Billardtische zu konstruieren, deren Dynamik besonders viele Symmetrien hat."

Das hat vor ihm noch keiner geschafft, und es ließ die Fachwelt aufhorchen: Möller hat vergangenes Jahr den renommierten Gay-Lussac/Humboldt-Preis bekommen. Der Preis wird seit 1983 auf der Grundlage eines Abkommens zwischen der Alexander von Humboldt Stiftung und dem französischen Forschungsministerium zur Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich ausgeschrieben.

Das Preisgeld von 25.000 Euro soll den Ausgezeichneten einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt in Frankreich ermöglichen.

Bevor Martin Möller am 1. Januar seine Professur an der Goethe-Uni angetreten hat, hat er sich am Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn mit schwierigen Fragen der Algebra und Geometrie beschäftigt. In den vergangenen fünf Jahren haben ihn Forschungsaufenthalte immer wieder nach Frankreich geführt: Schon während des Studiums war Möller in Grenoble, als Postdoc ging er nach Paris.

Hilft denn so ein Forschungsschwerpunkt tatsächlich in der Kneipe am Filztisch? Martin Möller lacht. "Keineswegs", sagt er. Das praktisches Billardwissen des passionierten Rennradfahrers, Kletterers und Bergsteigers, der ohnehin lieber draußen an der frischen Luft ist, beschränkt sich auf die Weisheit "Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel" und "was ein Effet ist, das weiß ich auch gerade noch". Was auch er nicht wisse: Warum so eine Kugel bei einem schnellen, ambitionierten Stoß über mehrere Banden mit dem frisch eingekreideten Queue gemeinerweise nicht immer das tue, was er sich gedacht habe. "Mit Mathematik hat das allerdings nichts zu tun", sagt er.

Möller liebt das abstrakte Denken der Mathematik, das tat er schon als Kind. Dass man meistens nicht sagen kann, was für einen praktischen Nutzen das Lösen eines kniffeligen Problems der Menschheit einmal bringen wird, stört ihn nicht. "Gauß hat auch nicht ahnen können, dass seine Gedanken über Primzahlen einige hundert Jahre später gute Dienste zur für Verschlüsselungstechniken im Internet leisten würden."

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