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Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs Dem Tod knapp entronnen

Die Wiesbadenerin Sabrina Scherbarth wirbt dafür, dass Eltern ihre Töchter gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen. Die 47-Jährige weiß, wovon sie redet. Sie selbst hat diese Krebsform nur knapp überlebt und danach sogar noch ein Kind bekommen.

Spaß mit der Mutter ist durch nichts ersetzbar: Sabrina Scherbarth mit Tochter Mariella. Foto: Privat

Sabrina Scherbarth ist dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, mag man das kaum glauben. Es grenzt an ein Wunder, dass sie den Gebärmutterhalskrebs überlebt hat, und an ein noch größeres, dass sie auch noch auf natürlichem Weg vor acht Jahren Mutter wurde. Diese Torturen will die 47 Jahre alte Wiesbadenerin ihrer Tochter und anderen angehenden Müttern ersparen. Deshalb will sie aufklären. Ihre Botschaft: „Gegen diesen Krebs kann man impfen.“ Möglichst viele Eltern will sie damit erreichen: „Keine Mutter, kein Vater soll sich später Vorwürfe machen müssen“, sagt die schmale, blonde Frau, die ohne Scheu von ihrer Krankheit spricht – selbst wenn es um intime Details geht.

Das ist ungewöhnlich. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Patient so offen damit umgeht“, sagt Christina Berg, Projektleiterin der Hessischen Krebsgesellschaft, auf deren Internetseite „du bist kostbar“ ein sehr persönlicher Film mit Sabrina Scherbarth und ihrer Familie zu sehen ist. Die Wiesbadenerin sei eine Mutmacherin. „Wenn Betroffene erzählen, hilft das anderen betroffenen Patienten viel mehr, als wenn der Arzt mit ihnen spricht.“ Eine Besonderheit, die in diesem Fall dazu kommt: Es gibt Möglichkeiten, sich zu schützen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung für alle Mädchen im Alter von neun bis 14 Jahren. Gebärmutterhalskrebs gilt bei Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren als dritthäufigste Krebserkrankung. 4500 Frauen erkranken jährlich daran, 1600 sterben. Ursache ist in den meisten Fällen eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV). Übertragen werden die Viren meist durch sexuelle Kontakte. Deshalb wird von Experten auch die Impfung von Jungen dieses Alters empfohlen. Hessen setzt sich dafür ein, teilt das Sozialministerium der Frankfurter Rundschau mit. Man habe vorgeschlagen, die Impfung für Jungen als empfohlene Standardimpfung zu prüfen.

Für Erkrankte gibt es keinen Grund, sich zu schämen, stellt Scherbarth klar, die im Alter von 34 Jahren ihre erste Diagnose bekam. „Es ist keine Geschlechtskrankheit, man kann das Virus auch in der Sauna bekommen.“ Die Infektion kann Jahrzehnte zurückliegen.

„Ich bin kommunikativ, aufgeschlossen und positiv“ sagt die Marketingspezialistin von sich. Lange Zeit habe sie nicht wahrhaben wollen, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt. Die Müdigkeit, die Befunde des Zellabstrichs, die Zwischenblutungen – Warnsignale, die sie ignorierte. Nach einer Ausschabung der Schock: „Die Ärzte sagten, ich habe Krebs, und rieten dazu, die Gebärmutter zu entfernen.“

Die Wiesbadenerin suchte nach Alternativen. Und fand sie bei einem Arzt in Jena, wohin sie fortan regelmäßig reiste. Er entfernte den Hals, nicht aber die Gebärmutter selbst. Ein Experiment, über dessen Erfolg sie und ihr Mann, den sie inzwischen kennengelernt hatte, sich nur kurz freuen konnten. Schon drei Monate später war das Virus wieder nachweisbar. Es folgten Operation auf Operation. Und dann die Überraschung, mit der keiner mehr gerechnet hatte: eine Schwangerschaft – „ganz natürlich“. Große Freude und dann eine monatelange Tortur. 111 Tage bewegungslos in der Klinik liegen, um das Kind nicht zu verlieren. Der nur noch rudimentär vorhandene Gebärmutterhals konnte das Baby nicht halten. In der 35. Woche kam Mariella per Kaiserschnitt zur Welt.

„Bei der Geburt hätte ich meine Gebärmutter entfernen sollen“, sagt die Wiesbadenerin heute. Weil sie es nicht tat, musste sie weiteres Leid ertragen. Ein erneuter Krebsbefund 2012, Chemo- und Strahlentherapie – dazu eine vierjährige Tochter, die all das nicht verstand. „Ich habe gedacht, ich packe das nicht mehr.“ Und sie schaffte es doch.

Die Qualen, Ängste, Sorgen – all das ist der blonden, schmalen Frau nicht anzusehen. Mit klaren Worten erzählt sie ihre Geschichte und scheut sich auch nicht, das zu beschreiben, was geblieben ist. „Die Strahlungsschäden bleiben, die empfindliche Blase, der geschädigte Darm“, sagt sie. „Das wird nie mehr gut.“ Dazu die psychische Belastung. Vor der Nachsorgeuntersuchung alle drei Monate kommt alles wieder hoch. „Dieser Tod war wie ein schwarzer Mantel, der die ganze Zeit neben mir her ging.“ Fürs Erste hat er sich von Sabrina Scherbarth verabschiedet.

Jetzt berichtet sie von ihren Leiden, um andere davor zu bewahren: „Man kann sich durch die Impfung wahrscheinlich all dies ersparen.“ Lediglich 22 Prozent der Mädchen im Alter von neun bis 14 Jahren sind nach Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung gegen das Virus immunisiert. Hessen ist damit im Bundesvergleich Schlusslicht. Der Bundesschnitt liegt bei 39 Prozent.

Bei der notwendigen Aufklärung kann die Zahl sich verdoppeln. Das zeigt ein Projekt der Metropolregion Rhein-Neckar. Im Herbst 2015 wurden an sechs Grundschulen im Kreis Bergstraße freiwillige Schulimpfungen angeboten. Örtliche Ärzte beteiligen sich daran, es gibt Informationsabende für Eltern. Finanziert wird das HPV-Projekt vom Bundesministerium für Gesundheit, informiert Markus Büttner, Sprecher der hessischen Sozialministeriums. „Eine Ausbreitung ist in Abhängigkeit der lokal vorhanden Ressourcen für das gesamte Bundesland Hessen geplant.“

Ein Weg, den Christina Berg von der hessischen Krebsgesellschaft befürwortet: „Es fehlt an Aufklärung, es gibt viele unbestimmte Ängste.“ Hartnäckig halte sich das Gerücht, dass die Impfung lebensgefährlich sein könnte. Dem widersprechen Aussagen des Robert-Koch-Instituts, wonach der Impfstoff zu den am besten erforschten und sichersten zählt. 80 Millionen Impfdosen seien weltweit verabreicht worden. „Schwerwiegende Nebenwirkungen konnten nicht nachgewiesen werden.“

Der Film mit Sabrina Scherbarth ist zu sehen unter: www.du-bist-kostbar.de; mehr Informationen zu der Erkrankung finden sich ebenfalls im Internet auf der Seite www.rki.de.

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