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Immer mehr Kirchenaustritte Jedes Jahr eine Pfarrei weniger

Den Kirchen laufen die Gläubigen davon: Bundesweit 180000 Christen haben allein im vergangenen Jahr ihren Austritt erklärt. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

20.04.2011 16:16
Thomas Witzel
Quo vadis Kirche? Hier der Turm der Matthäuskirche vor Hochhausarchitektur in Frankfurt. Foto: dpa

Wenngleich hessische Gotteshäuser am kommenden Ostersonntag traditionell gut gefüllt sein werden, darf das Bild nicht täuschen: Den Kirchen laufen die Leute davon. An die 180000 Christen haben bundesweit im vergangenen Jahr ihre Kirche verlassen. Auch in hessischen Bistümern hat die Abstimmung mit den Füßen deutliche Spuren hinterlassen. Fulda und Mainz melden steigende Tendenz. Limburg meldet sich gar nicht. Und auch die evangelische Kirche klagt über Mitgliederschwund. Die Gründe sind vielschichtig. Nicht nur die schleppende Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bewegt die Menschen zur Abkehr.

Es sei oft ein Bündel von Motiven, das Menschen zum Austritt aus der Kirche bringe, sagt Christof Ohnesorge, Pressesprecher des Bistums Fulda. „Der Missbrauchsskandal des vergangenen Jahres ist sicher ein wesentlicher Faktor gewesen“, resümiert er und verweist auf die Zahlen: 1870 Austritten im Jahre 2009 stehen 2783 im vergangenen Jahr gegenüber – 900 mehr. Die Rückkehr-Bewegung ist erheblich übersichtlicher: Traten im Jahre 2009 insgesamt 80 Menschen wieder ein, waren es im Jahr darauf 92.

„Zahlenmäßig verlieren wir jedes Jahr eine große Pfarrei“, sagt der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann, dessen Bistum auch für Südhessen, Teile von Mittelhessen, Wetterau und Vogelsberg zuständig ist.

In seinem „Hirtenwort zur Österlichen Bußzeit“ hat der Mainzer Oberhirte die Sorge um Austrittswillige und Ausgetretene als Schwerpunkt missionarischer Pastoral ausgemacht. Lehmann: „Wir haben für dieses letzte Jahr im Bistum Mainz ziemlich genau 7000 Austritte zu beklagen. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre waren es etwa 4500 bis 5000 Austritte.“ Er bedauere jeden Austritt, sagt Lehmann und plädiert dafür, mit Austrittswilligen oder Ausgetretenen von kirchlicher Seite das Gespräch zu suchen. Manchmal auch mit Erfolg: Seit dem Jahre 2006 gebe es jedes Jahr 600 Wiederaufnahmen, Eintritte und Erwachsenentaufen, teilt Alexander Matschak von der bischöflichen Pressestelle in Mainz mit.

Das Bistum Limburg bleibt, was Auskünfte zu Zahlen und Bewegungen bezüglich der Kirchenaustritte betrifft, standfest. Trotz mehrerer Anfragen und Zusagen war es der Pressesprecherin Patricia Arndt nicht möglich, Zahlen über die aktuelle Entwicklung im Bistum zu nennen. Im Jahre 2009 hatten dort noch 4576 Menschen die katholische Kirche verlassen.

Basis ist erschüttert

Auch die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) muss sich, obwohl sie keinen Missbrauchsskandal zu vertreten hat, auf steigende Austrittszahlen einstellen. Derzeit sammelt man dort noch die Rückmeldungen der einzelnen Gemeinden. Pressesprecher Stephan Krebs: „Momentan ist nur eine Hochrechnung möglich, derzufolge wir etwa 13500 Austritte erwarten. Das wäre gegenüber den Vorjahren ein leichter Anstieg.“ Gründe dafür seien aus der Sicht der EKHN die Nachwehen der Zinsabgeltungssteuer. Die habe bei vielen den Eindruck erweckt, dass die Kirchen mehr bekommen sollten. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, sagt Pressesprecher Krebs, der aber auch einen „Mitzieheffekt mit der katholischen Kirche beim Thema sexualisierte Gewalt beobachtet hat.

Außerdem spielten, so Krebs, bei Austritten aus der evangelischen Kirche auch dauerhafte Effekte eine Rolle: Institutionen-Skepsis, Glaubenszweifel und individueller Ärger über Kirchen-Repräsentanten.

Die katholische Basis ist auf jeden Fall erschüttert. Joachim Haas-Feldmann von der Regionalgruppe Hanau der Bewegung „Wir sind Kirche“: „Die aktuellen Zahlen spiegeln meiner Überzeugung nach nicht das ganze Ausmaß des Ansehens- und Glaubwürdigkeitsverlustes wider, den die römisch-katholische Kirche nach der Aufdeckung des jahrzehntelangen Missbrauchsskandals erfährt. Denn viele Menschen schrecken noch immer vor dem Schritt des Austritts zurück.“

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