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Im Teppichformat

Klaus Bittner zeigt Bornheimer Phantasien in Wiesbaden

24.02.2009 00:02
DOROTHEE BAER-BOGENSCHÜTZ

Sehen Sie die gelbe Markise dort? Die ist echt." Der düstere Architekturcluster, der dadurch Farbtupfer und Bildwürdigkeit bekommt, sei mit Fotoshop entstanden, sagt Klaus Bittner, "aber die Markise gibt es wirklich."

Klingt, als habe er noch Ehrfurcht vorm Authentischen. Auch wenn er sich zur Zeit in digitalen Welten aufhält. Zunächst durchstreift er Straßen und Baustellen, dann baut er selbst - am Bildschirm.

Für seine Fotoserie "Bornheim" verwendete Bittner etwa ein Hochhaus mit Baugerüst in der Inheidener Straße und Bauschutt aus der Eulengasse. Sobald er die Vorlagen bearbeitet, wachsen sie sich aus ins Maßlose. Das Basismotiv wird zum Baustein einer Monstrosität, die der Mensch nicht mehr beherrscht, und die ihn verachtet. Was der Betrachter sieht, ist die Hölle. Serienarchitektur ohne Seele. Interessant als Ornament.

Dabei will Bittner "das ursprünglich Hintergründige verstärken". Doch er treibt selbst ein Spiel: "Es gibt auch Bilder, die nicht digital verfremdet wurden, aber so erscheinen, es geht mir um den ambivalenten Charakter."

Der Werkkomplex "Fotografie / Digital Art" entsteht seit dem Jahr 2008. Einen Foto-Fundus besaß Bittner schon länger, hatte das Gefühl "hier steckt mehr drin." Was er meint, zeigt er in Wiesbaden. "Liebliche Endzeit" heißt die Schau des Frankfurters. Nicht alles ist - wie die wuchernden Wohnzellen - zum Davonlaufen. Die großformatigen Zeichnungen - Eierlikör-Valeur - passen Ton in Ton zur Stuck-Decke des Bellevuesaales, als seien sie dafür gemacht. Seit 2005 arbeitet er an dieser Serie von Zwitterbildern: Graphitzeichnungen werden mit Acrylfarbe dramatisiert. Sind es Äste, schwer von Schnee, die zu sehen sind oder ist es Materie, die durch eine Feuerbrunst ging? Versehrtes, Verkohltes, Verträumtes?

Aufschluss kann die Bodeninstallation kaum geben. Sie korrespondiert farblich und inhaltlich mit den Bildern an der Wand. Bittner ersann für die Raummitte etwas, das im existenziellen Werkzusammenhang so sinnfällig wie vom formalen Ansatz her dekorativ wirkt. Im Teppichformat präsentiert er famos Gestrüpp. Aus den Wäldern holte er Reisig. Die Kletterpflanze aus der Familie "Clematis Vitalba", die in der freien Natur Bäume und Büsche erstickt, indem sie sie überwuchert, hat er dafür aufgespürt und einzelne Opfer - "sehr aufwändig" von der Schmarotzerin befreit.

Um die beiden Pole "Lieblich" und "Endzeitlich" kenntlich zu machen, spritzte er das gesammelte Reisig schwarz und weiß. Bittner, der auch schon "Baumschicksale" thematisierte, indem er geschlagenes Holz in einen Metallkäfig packte, und in seinem Werk vielfach den Umgang mit Ressourcen thematisiert, kann sich die Schwarzweißmalerei leisten, weil er sich auf Zwischentöne versteht. Verschweigt der Mittsechziger auch im Ausstellungskatalog sein Alter, so soll das Publikum wissen, dass er ein Best Ager ist. Die Schau läuft in der Reihe "Künstler ab 60", die dem Jugendwahn die lange Nase zeigt. Seit mehr als 20 Jahren hat Bittner sein Atelier in Bornheim, 1989 gründete er die Atelier-Galerie U4 frAnkfuRT. Statt nun selbst im Endzeitlichen zu dümpeln, verfolgt er mit seiner Digitalkunst einen neuen Kurs.

Liebliche Endzeit, Bellevue-Saal,

Wilhelmstraße 32, Di bis Fr 16 bis 19 Uhr, Sa,So 14 bis 18 Uhr

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