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Im Porträt Pionierin aus Passion

Als Jugendliche demonstrierte die Tochter des Frankfurter Landgerichtsdirektors mit Gleichaltrigen auf der Zeil, trotz Wasserwerfereinsätzen. Nun hat Dagmar Priepke die Heussenstamm-Stiftung aus dem Dornröschen-Schlaf geweckt. Von Claus-Jürgen Göpfert

Viele Ideen für die Kunst in Frankfurt: Dagmar Priepke leitet die Heussenstamm-Stiftung. Foto: FR/Michael Schick

Wenn sie aufsteht und ein paar Schritte tut, umgeben sie gleich die Bilder. Die melancholischen, aber auch manchmal so lebensfroh bejahenden Schwarz-Weiß-Fotografien Rudi Weissensteins vom Aufbruch des jungen Staates Israel. Dagmar Priepke freut sich, wenn Schulkinder hierher in die Heussenstamm-Galerie kommen. Wenn sie dann, vom Fensterbrett aus, den Luftsprung der jungen Miriam Weissenstein nachahmen, der dank ihres Ehemannes in die Fotografie-Geschichte eingegangen ist. "Es war zu ruhig hier", lacht Priepke. Nach zwei Jahren als Geschäftsführerin darf sich die 54-Jährige zugutehalten, die altehrwürdige Heussenstamm-Stiftungder Stadt Frankfurt aus ihrem Dornröschen-Schlaf wachgeküsst zu haben.

Sie nippt am Kaffee, schmunzelt, wenn sie an die ersten Wochen ihrer Arbeit zurückdenkt: "Es gab Eruptionen!" Aber das kennt die gebürtige Frankfurterin, das hat sie ihr Leben lang begleitet: "Das Beständige bei mir ist der Wandel", sagt sie nachdenklich. Als Jugendliche demonstrierte die Tochter des Frankfurter Landgerichtsdirektors mit vielen Gleichaltrigen auf der Zeil, trotz Tränengasschwaden und Wasserwerfereinsätzen. "Dieser Magistrat ist reif!", hieß ihre Protest-Parole, ausgelöst durch städtische Fahrpreiserhöhungen Anfang der 70er Jahre. "Wo was los war, war ich dabei." In der Schülerbewegung, als junge Feministin. Doch den Weg in kommunistische Gruppen, den viele damals antraten, ging die Frau in der schwarzen Lederjacke nicht mehr: "Die waren mir zu autoritär." Eigentlich liest sie sehr gerne, liebt bis heute Peter Handke: "Der hat so eine wunderschöne Sprache."

Also absolvierte Priepke eine Ausbildung zur Bibliothekarin in der Deutschen Bibliothek, deren damaliger Generaldirektor, der recht patriarchalische Günther Pflug, einmal verblüfft zu ihr sagte: "Sie sind so lebhaft." Noch heute glaubt sie: "Ich bin eine sehr untypische Bibliothekarin, viel zu expressiv." Bald warf sie ihren Status als Lebenszeit-Beamtin hin, baute statt dessen zusammen mit Alice Schwarzer ein "Feministisches Archiv" in Frankfurt auf: "Das war toll, weil wir richtig gut ausgestattet waren" - im Hintergrund stand als Sponsor der Hamburger Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma.

14 Jahre bastelte am EDV-Netz für die städtischen Museen

So ging es weiter: "Etwas Neues schaffen, die Erste sein, Pionierarbeit machen - das reizt mich!" Priepke schaut durch die Panoramafenster der Galerie auf die Braubachstraße. "Ich denke, das hat was mit dem Anti-Autoritären in mir zu tun." Sie ging zur Stadt Frankfurt, lernte "als eine der ersten Frauen dort" Datenverarbeitung. 14 Jahre lang strickte sie beharrlich am EDV-Netz für die städtischen Museen, arbeitete zugleich dort als Frauenbeauftragte, doch das wollte sie nicht "noch mit 60 machen".

Also meldete sie sich, als Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) jemand suchte, der die bald 100-jährige Heussenstamm-Stiftung neu organisiert. "Ich hab Tempo vorgelegt", sagt sie stolz. Die Stipendien für bedürftige Künstler hat sie entstaubt, Kunst-Workshops für Kinder und Jugendliche geschaffen ("Der rote Punkt"), acht bis zehn Ausstellungen veranstaltet sie jährlich in der Galerie. Ideen, Ideen: Wenn im Juni die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, hängt die Künstlerin Maike Häusling an die Fassade der Galerie eine Installation mit den Nationalfarben der Teilnehmer-Länder - "Flagge zeigen". 2011, zur Frauen-Fußball-WM, will die Feministin Priebke Kunst auf den Eisernen Steg bringen: "Heussenstamm Open Air". Und so weiter: "Verrückt, kompliziert, schwierig - damit hab ich gerne zu tun."

Sie versucht, sich nicht aufzureiben, nicht zwölf Stunden und mehr am Tag. "Ich arbeite sehr gern, aber ich bin kein Workaholic." Schließlich muss noch Zeit bleiben, um sich einfach mal durch die Stadt treiben zu lassen: "Ich flaniere gern."

Die Frau aus Sachsenhausen liebt es, möglichst alle Wege zu Fuß zurückzulegen - und Frankfurt, die kleine Großstadt, kommt ihr da entgegen: "Ich bin leidenschaftliche Frankfurterin - die Skyline, die Internationalität, das finde ich grandios."

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