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Im Porträt Keine Frau der leisen Töne

Elisa Klapheck ist Frankfurts erste Rabbinerin. Ordiniert in den USA, sammelte sie erste Gemeinde-Erfahrung in Amsterdam und ist nun in Deutschland, wo sie "eine jüdische Zukunft" sieht. Von Astrid Ludwig

27.01.2010 09:01
Astrid Ludwig
Frankfurts erste Rabbinerin: Elisa Klapheck. Foto: FR/Arnold

Sie ist keine Frau der leisen Töne. Vielmehr ein Mensch, der lange mit sich gerungen und endlich seine Berufung im Leben erkannt hat. Elisa Klapheck hat Ziele und die steuert sie entschlossen an. Die jüdische Erneuerung ist so ein Ziel, die Erneuerung in den deutschen Gemeinden. Sie nennt das "Demokratisierung der Religion" und meint damit auch die Gleichheit unter den Gemeindemitgliedern, zwischen Männern und Frauen. Klapheck ist seit Mai 2009 Rabbinerin der jüdischen Gemeinde Frankfurt und der dortigen liberalen Gemeinschaft "Egalitärer Minjan". Sie ist die erste Synagogenvorsteherin der Stadt und eine der wenigen Frauen in Europa, die zur Rabbinerin ordiniert wurde.

Das graumelierte Haar umrahmt in weichen Wellen ihr Gesicht. Sie trägt Brille, modischen Schmuck und roten Lippenstift. "Ich bin nicht der Rabbiner im schwarzen Talar", bestätigt sie und lacht. Wohl aber ist sie eine Gelehrte. Bücherregale füllen die Wände ihres Arbeitszimmers. Elisa Klapheck hat politische Wissenschaften, Jura und Judaistik studiert - im holländischen Nimwegen, in Hamburg und Berlin. Sie war Journalistin der taz und beim Berliner Tagesspiegel, hat Reportagen für das Fernsehen und die Deutsche Welle verfasst und Bücher geschrieben.

Sie gehört zur "Zweiten Generation". Zu den Kindern, deren Eltern den Holocaust überlebten. Ihr Vater ist Deutscher. Ihre jüdische Mutter kam in Rotterdam zur Welt, floh vor den Nazis durch halb Europa. Sie überstehen beide den Krieg, doch ein Teil der Familie der Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Klapheck wächst in Holland und Düsseldorf auf, Jugend- und Studienzeit sind geprägt vom Konflikt mit den jüdischen Wurzeln, dem Anderssein und der Bedeutung von Religion in der Gegenwart.

Das Studium der Bibel auf Hebräisch, der Wechsel 1998 als Pressesprecherin zur jüdischen Gemeinde Berlin, bringen den entscheidenden Wandel. Schon Mitte der 90er Jahre formiert sich in den jüdischen Gemeinden in Deutschland, darunter auch in Frankfurt und Berlin, eine Bewegung der Erneuerung. Klapheck nennt das den Generationenwechsel. "Überall gab es Stimmen, die etwas Neues wollten." Ein liberales jüdisches Gemeindeleben, das nicht traditionell von Männern bestimmt wird, sondern von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Sie wollte die männliche Synagoge emanzipieren

"Das hat mich sofort angesprochen und Frankfurt war damals der Motor dieser Bewegung", sagt sie. In Berlin gehört Klapheck ebenfalls zu den Mitbegründerinnen einer liberalen Initiative. "Die ganze Tradition, die Sprache des Gottesdienstes, der Gebetsschal, selbst der Gesang klingt männlich", erklärt sie ihre Empfindungen. Seit der Kindheit hat sie das so erlebt und versucht sich zu "emanzipieren".

Als Sprecherin der jüdischen Gemeinde Berlin knüpft und nutzt sie ihre Kontakte. Klapheck und weitere Mitstreiter organisieren 1998 eine Tagung für europäische Rabbinerinnen. "Wir wussten gar nicht, wieviele es gab." Aus England, Budapest, Paris, Minsk und Berlin kommen die Frauen zusammen. Zehn an der Zahl. "Umso mehr wir recherchierten, umso mehr stellten wir fest, es ist alles da, wir wussten nur nicht voneinander", erzählt sie. Klapheck erfährt sogar von der ersten Rabbinerin der Welt: Regina Jonas, die 1935 in Offenbach ordiniert wurde. "Ihr Nachlass wurde erst nach dem Mauerfall bekannt." Klapheck hat über sie ein Buch geschrieben.

Überall in Deutschland gibt es Gruppen, die die Bewegung unterstützen. Für die 47-Jährige ist das ein Wendepunkt. "Ich habe gemerkt, ich will mehr daraus machen." Sie erlernt die Gottesdienst-Lithurgie, die Gesänge, die Lesung der Tora: das Lejnen. In der Nähe von New York lässt sie sich fast fünf Jahre lang zur Rabbinerin ausbilden.

"Die Aktualität des 21. Jahrhunderts"

"In den USA gibt es schon lange Frauen in diesem Amt", sagt sie. In Deutschland seien die Gemeinden jedoch stark von Traditionen geprägt, von Shoa-Überlebenden, Displaced Persons und osteuropäischen Juden, die ein Stück Heimat in den althergebrachten Traditionen sehen.

2004 wird Elisa Klapheck in Amerika zur Rabbinerin ordiniert. Sie will in Deutschland ein modernes Judentum fördern, "das in der Aktualität des 21. Jahrhunderts verortet ist". Dazu gehört für sie, dass Frauen aus der Tora lesen, im Gottesdienst singen, auch, dass alle Gemeindemitglieder verantwortlich sind, Standpunkte beziehen und nicht nur den Rabbi befragen. Das kommt nicht überall gut an. Manche der liberalen Gruppen sind in die Gemeinden integriert, wie in Frankfurt, bei anderen kam es zu Abspaltungen.

Klapheck räumt ein, dass ihr die Erneuerung selbst manchmal Angst gemacht hat. "Geht das überhaupt, kann ich die Lithurgie verändern oder mache ich etwas kaputt?" Zwei Jahre hat sie gebraucht, erzählt sie, bis sie den Gebetsschal öffentlich tragen konnte. "Das war selbst für mich eine große Schwelle". Dabei liebt die 47-Jährige Herausforderungen. Sie stellt gern kritische Fragen, will Standpunkte hervorlocken.

Die Frankfurter Gruppe "Egalitärer Minjan" wird auf Klapheck aufmerksam, lädt sie seit der Ordination immer wieder zu Gottesdiensten und Workshops ein. Unterdessen ist sie Rabbinerin in einer kleinen liberalen Gemeinde in Amsterdam, doch sie wechselt an den Main, als die Frankfurter ihr eine Stelle anbieten. Im Gebäude der Westend-Synagoge ist sie nun eine von mehreren Rabbinern. Zweimal im Monat hält sie Gottesdienste für die rund 100 Mitglieder und Förderer des "Egalitären Minjan" und übernimmt seelsorgerische Aufgaben. Ihre Stelle in Amsterdam hat Klapheck aufgegeben. "Es ist mir wichtig, in Deutschland zu leben. Das war immer mein Lebensthema. Hier sehe ich meine Aufgabe und eine jüdische Zukunft."

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