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Im Porträt Die Unbeugsame

Die Videokünstlerin Sonja Toepfer zeigt vernachlässigte Kinder und ihre Suche nach einem Schutzraum - mitten in einem der größten Missbrauchsskandale in der Geschichte der katholischen Kirche, mitten in einer Frankfurter katholischen Kirche.Von Felix Helbig

08.04.2010 00:04
Felix Helbig
Eine Unbequeme in den Reihen der Katholiken: Sonja Toepfer in der Allerheiligenkirche. Foto: FR/Christoph Boeckheler

Das Mädchen schaut in die Kamera, doch nichts will passen. Es wendet den Kopf, geht ein paar Schritte, die Kamera folgt, nichts passt. Eine kurze Sequenz ist das nur, das Mädchen, ein belebter Platz, ein paar Schritte. Doch die Szene ist düster wie der Blick des Kindes, voller Hoffnungslosigkeit, ein niedliches blondes Mädchen, vollkommen in sich gekehrt. Die Augen flackern verstörend. Es passt nicht.

Eine Frau springt die Stufen zum Kirchenportal empor, grüßt fröhlich, stößt die schwere Tür auf. Sonja Toepfer ist Videokünstlerin, die Allerheiligenkirche am Zoo ist ihr Ausstellungsort. Toepfer, 49, hat das Mädchen gefilmt. Sie wird diese kurze Sequenz zur Luminale auf die kahle Stirnwand des Kirchenschiffes projizieren. Sie ist Teil ihrer Installation "Hypostase Requiem", die sie selbst "herausfordernd" nennt. Sonja Toepfer zeigt vernachlässigte Kinder und ihre Suche nach einem Schutzraum - und das mitten in einem der größten Missbrauchsskandale in der Geschichte der katholischen Kirche, mitten in einer katholischen Kirche.

Mit weiten Schritten durchmisst sie den Raum, bleibt mittendrin stehen, breitet die Arme aus. "Hier", sagt Toepfer, "wird mein Blutkubus stehen." In drei Tagen soll alles fertig sein, noch sind die Kirchenwände kahl und kalt, aber die Fragen sind schon da. Die einfachste und kurzsichtigste von allen ist: Darf man das? Natürlich darf man das. Toepfer sagt: Man muss. "Autoritäre und verwahrloste Strukturen sind spiegelverkehrt identisch, es geht immer auch um Schutzräume, die leidenden Kindern fehlen." Um das zu begreifen, müsse die Hoffnungslosigkeit, das Ausgeliefertsein, die Beklemmung erfahrbar gemacht werden, sagt Toepfer. "Es ist ein Ausrufezeichen: Leute, stellt Kindern diese Schutzräume zur Verfügung!"

Das Gurgeln eines verstörten Kindes

Um erfahrbar zu machen, was Behütete nicht kennen, kombiniert die Künstlerin die Videosequenzen mit einer Klanginstallation und ihrem Blutkubus, einem Stoff-Würfel in der Mitte der Kirche, auf den pausenlos Blut projiziert wird und immer wieder auch ein Mensch, der versucht, es wegzuwischen. Geht der Betrachter durch den Kubus hindurch, hört er das verstörende Gurgeln eines sterbenden Kindes, das Toepfer in einem Hospiz aufgenommen hat. Die Fragen nach der Drastik der Darstellung und danach, ob es nicht Abstand braucht, um sich künstlerisch mit einem Thema zu befassen, das immer noch beinahe täglich Nahrung erhält - ihre Biografie gibt darauf Antworten.

Toepfer, studierte Soziologin und Oevermann-Schülerin, wuchs die erste drei Jahre ihres Lebens in einem Kinderheim auf, ehe die Großmutter sie aufnahm. Glaubenslos sei sie erzogen worden, sagt die Künstlerin, später in die evangelische Kirche eingetreten, wieder ausgetreten, seit fünf Jahren ist sie Katholikin. Übergelaufen, wie sie sagt, "jetzt erst recht". Das Thema ist ihr ein Lebensthema, den Abstand habe sie ja schon gehabt, sagt sie.

Seit einem Dreivierteljahr arbeitet sie an der Installation, der Missbrauchsskandal kam nun eher zufällig dazwischen. "Ich finde es jetzt fast zu wenig drastisch, es ist ja eher eine philosophische Angelegenheit. Drastisch wäre es gewesen, echtes Blut die Kirchenwände hinablaufen zu lassen." Bleibt die Frage, ob die Kirche eigentlich weiß, was sie sich da zur Luminale in eines ihrer Gotteshäuser holt? Toepfer lacht. "Die haben ja mich gefragt", sagt sie. In der Kirche sei sie mit ihrer Videokunst, die sich stets um kirchennahe Themen dreht, als die Frau mit dem anderen Blick bekannt. "Das ist ja das Interessante an der Kirche, man lässt machen, aber man macht nichts selbst."

Die Osteransprachen der Kirchenoberen haben sie gerade wieder entsetzt, sie nennt das Vorgehen der Bischöfe eine "Vogelstraußpolitik". Während "unten in der Kirche" alles thematisiert werde, "kriegen die Oberen es nicht hin". Die Unbeugsamen hätten bei all dem Duckmäusertum immer große Probleme, doch wer hartnäckig bleibe, werde belohnt. Toepfer ist so eine Unbeugsame. Zum Kirchentag wollte sie schon vor einiger Zeit missbrauchte und getötete Kinder auf Holzkreuze projizieren, aber das habe die Kirche nicht gewollt. Es war dann doch zu viel.

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