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Ignatz-Bubis-Preis Den Nachtmahren entkommen

Trude Simonsohn hat sich einer schmerzvollen Aufgabe gestellt: Sie erzählt Schülern, Lehrern und allen die es hören wollen von ihrem Leben als Jüdin unter Hitler. "Das ist meine Trauerarbeit", erklärt sie. Die 89-Jährige wurde mit dem Ignaz-Bubis-Preis ausgezeichnet.

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Frankfurter Institution: Trude Simonsohn bei der Preisverleihung in der Paulskirche. Foto: FR/Arnold

Wie zart sie wirkt. Und mit welcher Kraft sie dabei spricht. "Ich habe 30 Minuten", übermittelte Trude Simonsohn einige Stunden vor ihrem größten Auftritt am Montagabend; "15 Minuten davon sind für Ignatz".

Trude Simonsohn, 89, hat in der Frankfurter Paulskirche den Ignatz-Bubis-Preis entgegengenommen. Der ganze Saal ehrte die Überlebende des Holocaust mit stehender Ovation, noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte. Mit dieser Auszeichnung erinnert Frankfurt alle drei Jahre an "das Lebenswerk und die Persönlichkeit von Ignatz Bubis", des verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Trude Simonsohn, die Aufklärerin, ist die vierte Preisträgerin. Ihr "außergewöhnliches Engagement und ein stets zukunftsorientiertes Handeln zum Aufbau einer friedlichen Welt" machte sie preiswürdig, begründete die Jury. Seit 1979 berichtet die 1921 im mährischen Olmütz Geborene in Schulen über ihre Erfahrungen in der Nazi-Zeit unter deutscher Besatzung, hört sich die Fragen an und hat dabei eine unnachahmliche Art, durch Gegenfragen Einsichten zu vermitteln.

"Sie schärfen den Blick für moralische Handlungs-Spielräume", lobte Oberbürgermeisterin Petra Roth in der Paulskirche. Nämlich dafür, "dass Widerstand gelingen kann". "Für mich war Widerstand eine Frage der Selbsterhaltung", hat Simonsohn selber einmal bekannt, wie ihre Laudatorin, die frühere hessische Ministerin Ruth Wagner zitierte. Als Trude, geborene Gutmann, von den Nazis im Alter von 21 Jahren das erste Mal gefangen genommen wurde, war es nicht, weil sie Jüdin ist, sondern wegen "Hochverrats", also weil sie dagegen war. Durch vier Gefängnisse hat man sie danach geschleppt, berichtete Ruth Wagner, das war der Anfang der Tortur, die in Auschwitz enden sollte.

Es passt zu Trude Simonsohn, dass sie die Ehre des Tages mit Ignatz Bubis teilen wollte. Zur Wiederbelebung einer am Boden zerstörten Frankfurter Jüdischen Gemeinde hatte sie zwölf Jahre mit ihm zusammengearbeitet, erst im Vorstand, dann im Gemeinderat. "15 Minuten für Ignatz" - Simonsohn füllte sie also mit den Anekdoten und Witzchen, die so typisch für Bubis waren, diesen Mann, der bei allem Ruhm "immer er selbst geblieben ist."

"Das ist meine Trauerarbeit"

Es ist die Berufung von Trude Simonsohn, vor Schülern und Lehrern, vor allen, die es hören wollen, über ihr Leben zu sprechen, das mit den Deportationen der Juden bald nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in ihrer Heimat im Grunde schon zuende war.

Wie durch ein Wunder überlebte Trude aber dieses Ende ihrer glücklichen Familie, seit 31 Jahren muss sie immer wieder davon berichten. Immer, immer wieder durchlebt sie die Geschichte, die Vater, Mutter und allen Angehörigen den Tod brachte, allein weil sie jüdischer Herkunft waren.

Sie spricht unter Tag, damit sie den Nachtmahren entkommen kann: "Das ist meine Trauerarbeit." Und es gehört für sie zu dem Verarbeiten der Schuldgefühle, dass sie als einzige die Jahre der Einzelhaft, der Ausgrenzung im Getto Theresienstadt, die Zwangsarbeit und letztlich die Deportation nach Auschwitz, überlebt hat.

Mutiger als Trude Simonsohn kann ein Mensch kaum sein, war die einhellige Meinung in der Paulskirche. Ruth Wagner berichtete, wie ein Junge, nachdem Simonsohn mit ihrer Lebensgeschichte ein weiteres Mal zu einem Ende gekommen war, geäußert habe, nun wisse er, "dass man etwas tun, dass man helfen konnte". Damit, meinte die frühere Ministerin, sei der Zeitzeugin etwas gelungen, was kaum einem Historiker gelingen werde.

"Viel unbefangener als früher", weiß Trude Simonsohn selber zu berichten, verliefen die Gespräche in den Schulen, denn "die Kinder von heute haben keine belasteten Großeltern oder Eltern mehr". Es geht also weiter, sie wirkt unverwüstlich. Nur kürzlich, bei einem Kongress in Maastricht, da "gab es so viele Fragen, dass ich nur noch weg wollte".

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