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Homosexuelle im Altenheim Zimmer frei in Schwulen-WG

Homosexualität und Alter: Eine neue Broschüre des hessischen Gesundheitsministeriums will Pflegekräfte im Umgang mit traumatisierten Bewohnern im Altenheim sensibilisieren. Von Jutta Rippegather

Ein Homosexueller hat keine Enkel, deren Fotos er seinen Mitbewohnern im Altenheim zeigen kann. Aus Angst vor Diskriminierung verschweigt er lieber die Existenz seines Lebenspartners - selbst gegenüber den Pflegenden. "Viele 80-Jährige sind traumatisiert durch die Erfahrungen im Nationalsozialismus", sagt Georg Linde von 40plus Schwules Forum Frankfurt/Main.

Die wenigsten Beschäftigten in der Altenpflege sind sich dessen bewusst. Eine neue Broschüre des hessischen Gesundheitsministeriums will Abhilfe schaffen. "Homosexualität und Alter" heißt die laut Ministerium deutschlandweit einmalige Schrift. Kaum in zweiter Auflage erschienen ist sie wieder so gut wie vergriffen.

Homosexualität ist ein wesentlicher Teil der Biografie, verdeutlichen die Autoren an Beispielen. Wenn Pflegebedürftige nicht darüber sprechen, leiden sie. "Sie verleugnen einen wesentlichen Teil ihres Lebens und ihrer Identität, was häufig zu psychosomatischen Erkrankungen führt", sagt Minister Jürgen Banzer (CDU) der Frankfurter Rundschau.

Anders als bei Migranten ist einem Homosexuellen seine Besonderheit nicht anzusehen, sagt Heiko Gerlach, Diplom-Pflegewirt, Coach und Mitautor der Broschüre. Auch entwickeln Homosexuelle Strategien sich zu verstecken, führen oft ein Doppelleben. Dem Autonomiebedürfnis stünde das Abhängigkeitsverhältnis zu den Pflegenden gegenüber. Es bestehe die Furcht, durch ein Outing erpressbar zu sein. "Es ist eine Gratwanderung, wie offen ein Schwuler oder eine Lesbe mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen." Pflegende müssten sich bewusst sein, dass ihr Gegenüber nicht zwangsläufig heterosexuell ist.

"Auch unter dem Personal in unseren Mitgliedseinrichtungen gibt es Homosexuelle", sagt Friedhelm Menzel vom Diakonischen Werk in Hessen und Nassau. Er hat ebenfalls an der Broschüre mitgearbeitet. Menzel setzt auf Integration statt Sonderbehandlung. Spezielle Heime für Schwule und Lesben lehnt er ebenso ab wie Heime für Migranten. "Wir sollten eine offene Umgangsweise lernen." Demenzkranke seien die einzige Gruppe, für die gesonderte Betreuung die beste Lösung sei.

Heiko Gerlach sieht das anders. "Wer das will sollte eine Wahlmöglichkeit haben." In Hessen ist sie relativ eingeschränkt. Vor knapp zehn Jahren hatte es eine Initiative für ein "Altenpflegayheim" gegeben. Die Pläne scheiterten am Geld, sagt Linde.

Der Frankfurter Verband hat jetzt einen neuen Anlauf genommen. In der Einrichtung Reha-West im Stadtteil Rödelheim schuf er beim Umbau Platz für eine zehnköpfige Schwulen-Wohngemeinschaft. Sie mit Leben zu füllen gestalte sich zäh, sagt Hausleiterin Ilka Richter. Bislang lebe dort nur ein Mann. "Nach den Erfahrungen mit der Verfolgung durch die Nazis ist für diese Menschen ein Aufenthalt im Heim nicht unbedingt erstrebenswert."

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